25 Punkte von GN⁺ 2025-08-19 | Noch keine Kommentare. | Auf WhatsApp teilen
  • Ein Beitrag des Butter-Gründers, der seine Erfahrungen aus fünf Jahren seit 2020 zusammenfasst

Teil 1: Was man nicht tun sollte

Ausgangspunkt: Pandemie und die Chance der digitalen Transformation

  • Während der Pandemie 2020 wurde Butter gegründet, nachdem das Potenzial für die digitale Transformation in der Lebensmittelbranche erkannt wurde.
  • Erkannte Probleme:
    • Köche bevorzugen weiterhin traditionelle Methoden mit handschriftlichen Bestellformularen sowie Telefon und SMS
    • Großhändler verlassen sich auf veraltete Technologie (ERP aus den 1990ern, Bestandsverwaltung in Excel, Zahlungen per Papierscheck)
      • Allein die Eingabe von Kundenbestellungen dauert täglich 6 Stunden
  • Geplanter Lösungsansatz:
    • Digitalisierung der Kern-Workflows mit einem All-in-One-Cloud-ERP, das die Kernprozesse abbildet und als „System of Record“ dienen kann
    • Integration von Finanzdienstleistungen wie Zahlungen, Krediten und Lohnabrechnung zur Maximierung des Kundennutzens (ACV)
    • Einführung eines nahtlosen Kommunikationsprozesses für Köche und Großhändler sowie Schaffung von Plattform-Netzwerkeffekten mit einer DoorDash-ähnlichen Bestell-App
      ((beeinflusst von Choco, einer weiteren Bestell-App, die sich rasant zum Unicorn entwickelt hat)

Doch es scheiterte

  • Es schien ein sicherer Erfolg zu sein (no-brainer), aber wir lagen komplett falsch

Falle 1: Technische Komplexität und übermäßige Customization

  • Wir dachten, ein ERP aufzubauen sei einfach, doch in der Praxis erschöpften die unterschiedlichen Anforderungen jedes Kunden die Entwicklungsressourcen
    • Beispiele: Tastaturkürzel, Layout der Dateneingabemasken, bestimmte Rechnungsformate
  • Ergebnis: Das Produkt entwickelte sich zu einem von nicht skalierbarer Customization abhängigen Produkt

Falle 2: Lange Sales-Zyklen

  • Der Wechsel eines ERP-Systems ist komplex und erfordert die Zustimmung vieler Abteilungen:
    • Kund:innen scheuen den Umstieg trotz der Unannehmlichkeiten des Status quo
    • In der Hochsaison der Restaurants sind die Sales-Möglichkeiten eingeschränkt
  • Ergebnis: Niedrige Abschlussquote (nur etwa 20–30 % des Zielwerts)

Falle 3: Geringe Zahlungsbereitschaft und lange Revenue-Activation-Zyklen

  • Die meisten Kunden arbeiten mit niedrigen Margen (ca. 5 %):
    • Für Kunden, die bisher 80 US-Dollar pro Monat für QuickBooks zahlten, war ein ERP-Upgrade eine Belastung
  • Auch zusätzliche Umsätze aus FinTech und der Bestell-App brauchten lange, um aktiviert zu werden

Falle 4: Zu viele Experimente

  • In der Frühphase wurden gleichzeitig mehrere Umsatzmodelle und Netzwerkeffekte ausprobiert:
    • Zu viele Fronten wurden geöffnet, ohne zuvor einen einzelnen Erfolgsfall gesichert zu haben
  • Ergebnis: Burnout im Team und geringe Geschwindigkeit bei iterativen Experimenten

Schmerzlich gewonnene Lektionen

  • Beim Betrieb von Butter gab es viele Momente, auf die wir stolz waren:
    • Um 2 Uhr morgens aufstehen und im Lager schlafen, um ein erfolgreiches Onboarding zu ermöglichen
    • Aufbau komplexer, aber intuitiver Software, die Kund:innen liebten
    • Entwicklung systematischer Implementierungsleitfäden
  • Dennoch scheiterten wir daran, ein skalierbares Venture-Business aufzubauen
  • Lektion 1. Ideen nicht nur auf abstrakte Hypothesen stützen:
    • Man muss direkt mit Menschen im Lager, vor Ort und im Backoffice sprechen, um echte Insights zu gewinnen
    • Gespräche sollten dem „Finden der Wahrheit“ dienen, nicht der Bestätigung bestehender Ideen
  • Lektion 2. Was für den Aufbau eines erfolgreichen Produkts nötig ist:
    • Nutzer gewinnen, die das Problem tief verstehen:
      • Wenn der Schmerz des Status quo nicht größer ist als die Reibung der Veränderung, wird niemand das System wechseln
      • Schon wenige Katalysatoren können ausreichen, um Veränderung auszulösen
    • Ausreichende Zahlungsfähigkeit:
      • Wenn Kund:innen finanziell nicht in der Lage sind, die Lösung zu tragen, reicht der gelieferte Wert nicht aus, um den Umsatz des Unternehmens zu sichern
    • Ein Produkterlebnis, das 10x besser ist als das Bestehende:
      • Je traditioneller die Kundschaft, desto dramatischer muss die Verbesserung ausfallen
      • Man sollte an den Gründen ansetzen, warum Kund:innen so lange an der bisherigen Arbeitsweise festgehalten haben
    • Die Bedeutung von Einfachheit:
      • Das frühe Produkt muss einfach und leicht zu übernehmen sein
      • Beispiel: Statt ein luxuriöses japanisches Bidet zu verkaufen, besser auf die Lösung grundlegender Sanitärprobleme konzentrieren
  • Lektion 3. Business-Modell und Erfolgsbedingungen für SaaS:
    • Deal-Größe und Sales-Zyklus (Deal-Geschwindigkeit) müssen im Gleichgewicht sein.
    • David Sacks’ „The Difficulty Ratio“:
      • Eine Kombination aus hohem ACV (Annual Contract Value) und niedriger Deal-Geschwindigkeit oder umgekehrt kann funktionieren
      • Doch wenn ACV niedrig und Deal-Geschwindigkeit langsam ist, ist die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns hoch
    • Im Fall von Butter:
      • Trotz zusätzlicher Umsatzquellen lag das Unternehmen im Bereich niedriger Deal-Geschwindigkeit und niedrigen ACV
      • Besonders bis zur vollständigen Umsatzaktivierung war die Deal-Geschwindigkeit sehr gering

Abschließende Gedanken

  • Rückblickend haben wir die Komplexität unterschätzt, Vertical SaaS in einer Branche aufzubauen, die auf traditionellen Praktiken und veralteter Technologie beruht
  • Eine digitale Lösung allein reichte nicht aus, um Adoption auszulösen
  • Stattdessen musste sie eine bahnbrechende Verbesserung gegenüber der bisherigen Arbeitsweise liefern, und
    • dies auf eine Weise vermitteln, die Kund:innen verstehen können.
    • Wenn nicht sofort der Eindruck entsteht, dass es passt, bleiben Kund:innen bei ihrer vertrauten alten Lösung
  • Lektion: Der Schlüssel zum Erfolg ist ein Ansatz, der bestehende Workflows respektiert und gleichzeitig echten Mehrwert beweist

Teil 2: AI entwickeln, die gut zu bestehenden Workflows passt

Ausgangspunkt: Der Konflikt mit traditionellen Arbeitsweisen

  • Früher Ansatz:
    • Entwicklung eines Tools zur Modernisierung des Bestelleingabeprozesses von Großhändlern über E-Commerce
    • Problem:
      • Köche bevorzugten weiterhin traditionelle Methoden (Telefon, SMS) und passten sich digitalen Systemen nicht leicht an
      • Das neue System bot nicht genug Mehrwert, um die bestehende Arbeitsweise vollständig zu ersetzen
  • Kundenfeedback anhören:
    • Interviews mit verschiedenen Kundengruppen, darunter aktive Nutzer, abgewanderte Nutzer und Gegner der App
    • Die Bestellung per App war gegenüber Telefon/SMS/E-Mail kein 10x besseres Erlebnis:
      • Es fehlte an Transparenz über Produktverfügbarkeit in Echtzeit und den Lieferstatus
  • Schwierigkeiten der Großhändler erkennen:
    • Großhändler litten weiterhin unter stundenlanger manueller Bestelleingabe
    • Idee für den Einsatz von AI:
      • Large Language Models (LLMs), die unstrukturierte Daten verarbeiten können, schienen passend
      • Mit AI ließ sich komplexe Arbeit automatisieren
      • Da etwa 80 % der weltweiten Daten unstrukturiert sind, wurde darin das Potenzial für einen Paradigmenwechsel gesehen
  • Strategiewechsel:
    • Lieferanten und Operatoren wurden nicht in vollständig digitale Workflows gezwungen
    • Stattdessen wurde ein AI-basiertes Tool zur Ergänzung bestehender Prozesse (z. B. Butter’s AI Order Assistant) entwickelt:
      • So konzipiert, dass es sich natürlich in bestehende Workflows integriert.
      • Es positionierte sich als praktische Lösung zur Modernisierung einer technologisch rückständigen Lebensmittelvertriebsbranche.

Der Wechsel zu AI: keine bloße Verheißung, sondern echte Umsetzung

  • Der Schlüssel zum AI-Erfolg:
    • Es braucht kein „schickeres“ Produkt, sondern ein Produkt, das die Arbeit der Nutzer tatsächlich erledigt
    • AI Order Assistant:
      • So entworfen, dass Köche und Großhändler ihre bestehenden Prozesse nicht ändern müssen
      • In bestehende Workflows natürlich integriert
  • Bestellmanagement auf Basis von Natural Language Processing:
    • Vereinfachung des Prozesses mit AI, die Sprachbefehle oder Textnachrichten verarbeiten kann
    • Als Add-on statt als kompletter Systemwechsel bereitgestellt:
      • Schnell einführbar
      • Umgeht die komplexen Probleme klassischer „digitaler Transformation“
  • Kunden-Onboarding:
    • E-Mail- und Voicemail-Daten werden mit dem ERP verknüpft und in strukturierte Einkaufsauftragsdaten umgewandelt
    • Präferenzen der Köche (z. B. „2 Kisten Garnelen“) werden im digitalen System gespeichert:
      • Frühere Bestellmuster und Bestellleitfäden helfen dabei, Produktvarianten korrekt zu verstehen.
      • Beispiel: Die AI unterscheidet, ob „4-6 Tiger Shrimp Frozen“ oder „16-20 EZ Peel Shrimp“ gemeint ist
  • Einbeziehung von Nutzerfeedback:
    • Von dem AI-Modell wird keine 100%ige Genauigkeit erwartet:
      • Umfangreiche UX-Interviews zeigten, dass Nutzer AI-Ausgaben korrigieren können müssen
      • Mithilfe der ERP-Tastaturkürzel wurde das System so entworfen, dass alle Aufgaben per Tastatur erledigt werden können
    • Ergebnis:
      • Die Bearbeitungszeit für Bestellungen sank um mehr als 96 %
      • Backoffice-Mitarbeitende konnten auf höherwertige Aufgaben wechseln (Qualitätsmanagement, Kundenbeziehungsmanagement)
  • Ausbau zu GrubAssist:
    • Nach der Übernahme durch GrubMarket wurde der AI Order Assistant zu GrubAssist ausgebaut
    • Bereitstellung von Natural-Language-basierter Business Intelligence und Analytik für bestehende ERP-Systeme.
    • Nahtlose Integration, ohne die bestehenden Workflows der Lebensmittelbranche zu stören
  • Die Integration in bestehende Workflows ist der Schlüssel zum AI-Erfolg. Die Lösung muss sich ohne komplexen Umstieg leicht anwenden lassen.

Lektionen aus der Entwicklung von LLM-Produkten

  • Design unter Berücksichtigung technischer Grenzen:
    • LLMs sind leistungsfähig, haben aber weiterhin Grenzen bei Zuverlässigkeit und Geschwindigkeit.
    • Grenzen durch effektives Design ausgleichen:
      • Beispiel: Da Restaurants/Händler Bestellungen am nächsten Morgen bearbeiten, kann man sich durch Hintergrundverarbeitung geringere Geschwindigkeit leisten und dafür Modelle mit stärkerer Reasoning-Fähigkeit wählen.
  • Geschwindigkeit priorisieren, Perfektion später anstreben:
    • In der Frühphase sollte man sich nicht darin verfangen, das „perfekte Modell“ zu suchen.
    • Einfache Technologien für den Markteintritt nutzen (z. B. RAG):
      • Mit dem richtigen Kontext funktionieren auch einfache Methoden stark.
      • Wenn sich das Basismodell verbessert, verbessert sich auch das AI-Produkt automatisch.
  • Die Grundlagen sauber aufsetzen:
    • Eine flexible Experimentierumgebung bereitstellen:
      • Eine modulare Architektur erleichtert den Austausch von Modellen oder Funktionen und ermöglicht schnelle Iteration.
      • Ein klares und quantifizierbares In-Product-Feedback-System muss integriert werden.
  • Die Oberfläche entscheidet über Erfolg oder Misserfolg des Produkts:
    • Selbst mit einem „perfekten“ Modell sollte so entworfen werden, als ob 20 % der Arbeit menschliche Verifikation benötigen.
    • Interaktionen einfach und intuitiv gestalten, um die Beteiligung der Nutzer aufrechtzuerhalten:
      • Wenn der Nutzer-Verifikationsprozess gestärkt wird, lassen sich wichtige Daten zur Produktverbesserung gewinnen.
  • Unstrukturiertes Wissen erfassen:
    • In traditionellen Branchen ist wichtige Information oft nicht digitalisiert und hängt vom Gedächtnis einzelner Personen ab.
    • Beispiel: Wenn Kundenpräferenzen nur im Kopf des Vertriebsmitarbeiters Joey existieren, muss eine Oberfläche geschaffen werden, die dieses Wissen erfassen kann.
    • Solche Insights stärken die Differenzierung des Modells und liefern dauerhaft einen Datenvorteil.
  1. Genauigkeit durch Feedback-Loops verbessern:
  • Engineering allein hat Grenzen:
    • Es braucht eine nahtlose Möglichkeit, Nutzerfeedback direkt im Produkt zu sammeln.
    • Durch die Verbindung dieses Feedbacks mit einer Tuning-Engine lassen sich präzisere und kontextuell relevantere Ausgaben erzeugen.

Die Zusammenarbeit mit bestehenden Systemen ist entscheidend

  • Praktische Herausforderung:
    • Selbst die beste AI-Lösung ist bedeutungslos, wenn sie sich nicht in bestehende Legacy-ERP-Systeme integrieren lässt
    • Wer versucht, Legacy-Systeme zu ersetzen, erschwert die Zusammenarbeit
  • Integrationsstrategie:
    • Im Fall von Butter war eine Integration mit dem ERP über EDI (Electronic Data Interchange) oder SFTP-Dateiaustausch notwendig
    • Legacy-Systeme sind tief verankert, daher sind Überzeugungsarbeit und Architekturdesign komplex
    • Erfolgsstrategie:
      • Ein Add-on anbieten, das bestehende Produkte verbessert:
        • So können Kund:innen ihre bestehende Infrastruktur behalten und gleichzeitig von den Vorteilen der AI profitieren
        • Es stärkt bestehende Netzwerke und betont, dass AI sowohl für das Geschäft als auch für Infrastrukturanbieter positiv wirkt
  • Dringlichkeit:
    • AI-Kompetenz verbreitet sich schnell, und selbst ehemals langsame traditionelle Anbieter führen AI ein
    • Schnell handeln und mit bestehenden Playern kooperieren:
      • Der Markt muss mit der richtigen Strategie und einem differenzierten Ansatz adressiert werden
  • Warnung zu neuen Software-Ansätzen:
    • Neue Produkte nach dem Ansatz „integrate and surround“:
      • Einen bestimmten Geschäftsbereich (z. B. Field Sales) vollständig autark aufbauen
      • Die Kosten-/Erlösstruktur vorteilhaft verändern
      • Es ist wichtig, diese Entwicklungen zu verstehen und die richtigen Partner zu wählen
  • Kernlektion
    Mit bestehenden Systemen zusammenarbeiten und klare Vorteile sowie Verbesserungen bieten, ohne einen vollständigen Systemwechsel zu erzwingen
    • Den Wert als risikoarmes Add-on mit hoher Belohnung zeigen, um schnelle Adoption zu fördern

Einblick in die Zukunft

  • Schnittstelle zwischen traditionellen Branchen und AI:
    • Traditionelle Branchen, die auf unstrukturierte Daten wie handschriftliche Aufzeichnungen oder Audiodaten angewiesen waren, erhalten nun über LLMs Zugang zu modernen Technologielösungen
    • Vertical SaaS wird in solchen Branchen zunehmend zu einer realistischen Alternative
    • Es ist verlockend, AI überall einzusetzen, doch ein vorsichtiger Ansatz ist nötig
  • Der Schlüssel zum AI-Erfolg:
    • Nicht die Technologie selbst, sondern Product-Market Fit ist der entscheidende Erfolgsfaktor
    • AI eröffnet neue Möglichkeiten, aber die Grundprinzipien der Produktentwicklung bleiben unverändert:
      • Alles beginnt damit, die Nutzer und ihre Bedürfnisse klar zu verstehen
      • Die Technologie folgt danach
  • Wichtigste Lektionen:
    • AI ist am effektivsten, wenn sie passend in bestehende Prozesse integriert wird
    • Bestehende Arbeitsweisen nicht umstürzen, sondern so entwerfen, dass sie sich natürlich einfügen
  • Frage:
    • „Wer wird diese Chance zuerst ergreifen?“
    • Gewinnen wird, wer die Gelegenheit nutzt, bevor die Zeit abläuft

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