- Um 1910 herum führten technischer Fortschritt und ein rasanter gesellschaftlicher Wandel zu weit verbreiteter Verwirrung, Angst und Neurasthenie in der Bevölkerung
- Neue Verkehrsmittel wie Auto, Fahrrad und Flugzeug änderten das Raum- und Zeitgefühl selbst
- Durch die Veränderung der Gesellschaft stieg geistiger Schmerz und neurologische Erkrankung stark an, besonders im Bereich der White-Collar-Berufe
- In der Kunst verwandelten Stravinsky, Kandinsky, Picasso diese Unruhe und Entfremdung in künstlerische Innovationen der Moderne
- Max Weber und Sigmund Freud entwickelten neue Theorien über die menschliche Natur und beförderten Debatten darüber, ob Technik und Kapitalismus die Menschlichkeit gefährden
Vorwort: Der Wandel zu Beginn des 20. Jahrhunderts und Ähnlichkeiten zur Gegenwart
- Die Zeit um die Jahrhundertwende ins 20. Jahrhundert war durch die Pracht von Geschwindigkeit und Technik (Auto, Flugzeug, Fahrrad) geprägt, ebenso wie durch allgegenwärtige Angst und geistige Verwirrung
- Die Herausforderungen dieser Zeit ähneln stark denen der Gegenwart; der Blick zurück bietet Einsichten, um die Gegenwart besser zu verstehen
- Philipp Bloms The Vertigo Years behandelt Europa zwischen 1900 und 1914 vertieft und erforscht vor allem den Einfluss technischen Wandels auf Kunst und menschliche Natur
1. 1910: Die Einsicht, dass sich die Welt zu schnell verändert
- Zwischen den 1880er Jahren und 1910 verwandelte der rasche Fortschritt in der Verkehrstechnologie (z. B. Ford Model T, der Flug der Gebrüder Wright) den westlichen Raum grundlegend
- In Frankreich war die Zahl der Automobile von 3.000 im Jahr 1900 auf über 100.000 im Jahr 1914 gestiegen; in den USA setzte 1908 die Massenproduktion ein
- Geschwindigkeit selbst wurde zum Thema in ästhetischen, philosophischen und psychologischen Debatten, wobei insbesondere die Nutzung von Verkehrsmitteln durch Frauen zu einem Gegenstand sozialer Auseinandersetzungen und moralischer Verurteilung wurde
- Fahrradfahrende Frauen galten sowohl als Symbol der Befreiung als auch der moralischen Verderbtheit
- Einige Ärzte und Moralisten warnten sogar vor neuen Erkrankungen wie der „Krankheit der Räder“
- Technik-Kritiker und Schriftsteller artikulierten ihre Sorge, dass der Mensch zunehmend mechanisiert wurde
- Sie verglichen die Geschwindigkeit schneller Maschinen mit menschlicher Größe und beschrieben ein Gefühl, der Mensch könne plötzlich riesig wirken
- Die damalige Zeitwahrnehmung lautete: „Die Technik hat eine neue Rasse von Riesen geschaffen und die Erfahrung von Raum und Zeit selbst verändert.“
2. Neurasthenie und geistiger Schmerz durch die technische Revolution
- Der schnelle Alltag und der soziale Wandel lösten bei vielen Menschen Neurasthenie oder „American Nervousness“ aus
- Diese Krankheit, die erstmals gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den USA diagnostiziert wurde, war durch mentale Erschöpfung, Angst und Müdigkeit gekennzeichnet
- Sie trat besonders häufig bei White-Collar-Berufen auf, bei Fachkräften, die mit Technik und schnellen Maschinen arbeiteten
- Die Zunahme psychisch Kranker wurde auch statistisch deutlich
- In Deutschland stieg die Zahl der psychiatrischen Patienten von 40.375 im Jahr 1870 auf 220.881 im Jahr 1910
- Der Anteil neurologischer Erkrankungen unter allgemeinen Krankenhausaufnahmen erhöhte sich im selben Zeitraum von 44 % auf 60 %
- Viele Patientinnen und Patienten hielten sich in privaten Sanatorien oder Badeanstalten auf, um sich zu erholen (ähnlich dem Hintergrund von Thomas Manns Roman The Magic Mountain)
3. 1910–1913: Wendepunkt der Kunstgeschichte
- Autoren, Maler und Musiker ließen sich von der beschleunigten Realität stark inspirieren und brachen schnell mit bestehenden Kunsttraditionen
- Sie fühlten sich verpflichtet, die Verwirrung der Moderne auszudrücken und mit einer neuen Epoche in Dialog zu treten
- In der Musik ließ sich Stravinsky von alter russischer Volkskunst inspirieren und schuf The Rite of Spring
- Bei der Uraufführung 1913 in Paris kam es im Konzertsaal zu Gewalt und Chaos
- In der Bildenden Kunst ebnete Kandinsky den Weg für die Abstraktion
- Gemeinsam mit neuen Technologien wie der Kodak-Kamera, die eine realistische Wiedergabe erleichterte, entwickelte sich die abstrakte Kunst vollständig weiter
- Auf Grundlage archaischer Inspirationen (etwa Schamanen im Ural) wurde der Effekt der Synästhesie angestrebt
- Kritiker bezeichneten frühe abstrakte Werke als „Ende der Kunst“ und als „der giftige Hauch der städtischen Laster"
- Picasso ließ sich von afrikanischen Masken inspirieren und versuchte sich am Primitivismus, wobei er die Grundstruktur der menschlichen Existenz infrage stellte
- Stravinsky, Kandinsky, Picasso nahmen auf die durch die Moderne verursachte Entfremdung menschlicher Gefühle mit der Aufnahme eher antiker oder archaischer Bilder in ihre Werke Bezug
- Der Modernismus war im Kern eine Reaktion auf die Modernität
4. Entstehung neuer Theorien über die menschliche Natur
- Um 1910 präsentierten Max Weber und Sigmund Freud neue theoretische Rahmen für das Verständnis von Mensch und Gesellschaft sowie Kapitalismus
- Weber analysierte in The Protestant Ethic and the Spirit of Capitalism, dass die nordeuropäische protestantische Tradition Einfluss auf kapitalistische Tugenden wie Fleiß, Sparsamkeit und Investitionsbereitschaft genommen habe
- Religiöse Lehren trugen zu einer Kultur bei, die fleißige Arbeit und Kapitalakkumulation fördert
- Freud diagnostizierte, dass kapitalistische Gesellschaften und technische Zivilisationen die menschliche Natur unterdrückten und verzerrten
- Die menschliche Natur entsteht, so seine Auffassung, im Spannungsfeld zwischen primitiven Trieben (Es) und sozialen Normen (Über-Ich), wobei diese Spannung das Ich (ego) formt
- Mit dem Begriff der Sublimierung betonte er, dass primitive Impulse in sozial akzeptable Formen überführt werden können
- Der moderne Kapitalismus basiert auf der Sublimierung oder Unterdrückung eigener Wünsche, schafft jedoch anstelle kollektiven Reichtums vor allem seelische Kosten für das Individuum (Angst, Neurasthenie usw.)
- Webers Überzeugung (dass religiöse Tradition die Entwicklung des Kapitalismus vorantreibt) und Freuds Diagnose (dass die menschliche Natur grundsätzlich mit dem Kapitalismus unvereinbar ist) sind bis heute umstrittene große Streitfragen
- Auch inklusive der heutigen Entwicklungen in der Künstlichen Intelligenz bleibt die Frage, ob technologische Innovation den ultimativen Ausdruck von Menschlichkeit ist oder eine Bedrohung derselben
- Die Antwort bleibt ambivalent – sie war eine Aufgabe von 1910 und ist zugleich eine Sorge des Jahres 2025
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