1 Punkte von GN⁺ 2025-08-11 | Noch keine Kommentare. | Auf WhatsApp teilen
  • Um 1910 herum führten technischer Fortschritt und ein rasanter gesellschaftlicher Wandel zu weit verbreiteter Verwirrung, Angst und Neurasthenie in der Bevölkerung
  • Neue Verkehrsmittel wie Auto, Fahrrad und Flugzeug änderten das Raum- und Zeitgefühl selbst
  • Durch die Veränderung der Gesellschaft stieg geistiger Schmerz und neurologische Erkrankung stark an, besonders im Bereich der White-Collar-Berufe
  • In der Kunst verwandelten Stravinsky, Kandinsky, Picasso diese Unruhe und Entfremdung in künstlerische Innovationen der Moderne
  • Max Weber und Sigmund Freud entwickelten neue Theorien über die menschliche Natur und beförderten Debatten darüber, ob Technik und Kapitalismus die Menschlichkeit gefährden

Vorwort: Der Wandel zu Beginn des 20. Jahrhunderts und Ähnlichkeiten zur Gegenwart

  • Die Zeit um die Jahrhundertwende ins 20. Jahrhundert war durch die Pracht von Geschwindigkeit und Technik (Auto, Flugzeug, Fahrrad) geprägt, ebenso wie durch allgegenwärtige Angst und geistige Verwirrung
  • Die Herausforderungen dieser Zeit ähneln stark denen der Gegenwart; der Blick zurück bietet Einsichten, um die Gegenwart besser zu verstehen
  • Philipp Bloms The Vertigo Years behandelt Europa zwischen 1900 und 1914 vertieft und erforscht vor allem den Einfluss technischen Wandels auf Kunst und menschliche Natur

1. 1910: Die Einsicht, dass sich die Welt zu schnell verändert

  • Zwischen den 1880er Jahren und 1910 verwandelte der rasche Fortschritt in der Verkehrstechnologie (z. B. Ford Model T, der Flug der Gebrüder Wright) den westlichen Raum grundlegend
    • In Frankreich war die Zahl der Automobile von 3.000 im Jahr 1900 auf über 100.000 im Jahr 1914 gestiegen; in den USA setzte 1908 die Massenproduktion ein
  • Geschwindigkeit selbst wurde zum Thema in ästhetischen, philosophischen und psychologischen Debatten, wobei insbesondere die Nutzung von Verkehrsmitteln durch Frauen zu einem Gegenstand sozialer Auseinandersetzungen und moralischer Verurteilung wurde
    • Fahrradfahrende Frauen galten sowohl als Symbol der Befreiung als auch der moralischen Verderbtheit
    • Einige Ärzte und Moralisten warnten sogar vor neuen Erkrankungen wie der „Krankheit der Räder“
  • Technik-Kritiker und Schriftsteller artikulierten ihre Sorge, dass der Mensch zunehmend mechanisiert wurde
    • Sie verglichen die Geschwindigkeit schneller Maschinen mit menschlicher Größe und beschrieben ein Gefühl, der Mensch könne plötzlich riesig wirken
    • Die damalige Zeitwahrnehmung lautete: „Die Technik hat eine neue Rasse von Riesen geschaffen und die Erfahrung von Raum und Zeit selbst verändert.“

2. Neurasthenie und geistiger Schmerz durch die technische Revolution

  • Der schnelle Alltag und der soziale Wandel lösten bei vielen Menschen Neurasthenie oder „American Nervousness“ aus
    • Diese Krankheit, die erstmals gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den USA diagnostiziert wurde, war durch mentale Erschöpfung, Angst und Müdigkeit gekennzeichnet
    • Sie trat besonders häufig bei White-Collar-Berufen auf, bei Fachkräften, die mit Technik und schnellen Maschinen arbeiteten
  • Die Zunahme psychisch Kranker wurde auch statistisch deutlich
    • In Deutschland stieg die Zahl der psychiatrischen Patienten von 40.375 im Jahr 1870 auf 220.881 im Jahr 1910
    • Der Anteil neurologischer Erkrankungen unter allgemeinen Krankenhausaufnahmen erhöhte sich im selben Zeitraum von 44 % auf 60 %
    • Viele Patientinnen und Patienten hielten sich in privaten Sanatorien oder Badeanstalten auf, um sich zu erholen (ähnlich dem Hintergrund von Thomas Manns Roman The Magic Mountain)

3. 1910–1913: Wendepunkt der Kunstgeschichte

  • Autoren, Maler und Musiker ließen sich von der beschleunigten Realität stark inspirieren und brachen schnell mit bestehenden Kunsttraditionen
    • Sie fühlten sich verpflichtet, die Verwirrung der Moderne auszudrücken und mit einer neuen Epoche in Dialog zu treten
  • In der Musik ließ sich Stravinsky von alter russischer Volkskunst inspirieren und schuf The Rite of Spring
    • Bei der Uraufführung 1913 in Paris kam es im Konzertsaal zu Gewalt und Chaos
  • In der Bildenden Kunst ebnete Kandinsky den Weg für die Abstraktion
    • Gemeinsam mit neuen Technologien wie der Kodak-Kamera, die eine realistische Wiedergabe erleichterte, entwickelte sich die abstrakte Kunst vollständig weiter
    • Auf Grundlage archaischer Inspirationen (etwa Schamanen im Ural) wurde der Effekt der Synästhesie angestrebt
    • Kritiker bezeichneten frühe abstrakte Werke als „Ende der Kunst“ und als „der giftige Hauch der städtischen Laster"
  • Picasso ließ sich von afrikanischen Masken inspirieren und versuchte sich am Primitivismus, wobei er die Grundstruktur der menschlichen Existenz infrage stellte
  • Stravinsky, Kandinsky, Picasso nahmen auf die durch die Moderne verursachte Entfremdung menschlicher Gefühle mit der Aufnahme eher antiker oder archaischer Bilder in ihre Werke Bezug
    • Der Modernismus war im Kern eine Reaktion auf die Modernität

4. Entstehung neuer Theorien über die menschliche Natur

  • Um 1910 präsentierten Max Weber und Sigmund Freud neue theoretische Rahmen für das Verständnis von Mensch und Gesellschaft sowie Kapitalismus
    • Weber analysierte in The Protestant Ethic and the Spirit of Capitalism, dass die nordeuropäische protestantische Tradition Einfluss auf kapitalistische Tugenden wie Fleiß, Sparsamkeit und Investitionsbereitschaft genommen habe
      • Religiöse Lehren trugen zu einer Kultur bei, die fleißige Arbeit und Kapitalakkumulation fördert
    • Freud diagnostizierte, dass kapitalistische Gesellschaften und technische Zivilisationen die menschliche Natur unterdrückten und verzerrten
      • Die menschliche Natur entsteht, so seine Auffassung, im Spannungsfeld zwischen primitiven Trieben (Es) und sozialen Normen (Über-Ich), wobei diese Spannung das Ich (ego) formt
      • Mit dem Begriff der Sublimierung betonte er, dass primitive Impulse in sozial akzeptable Formen überführt werden können
  • Der moderne Kapitalismus basiert auf der Sublimierung oder Unterdrückung eigener Wünsche, schafft jedoch anstelle kollektiven Reichtums vor allem seelische Kosten für das Individuum (Angst, Neurasthenie usw.)
  • Webers Überzeugung (dass religiöse Tradition die Entwicklung des Kapitalismus vorantreibt) und Freuds Diagnose (dass die menschliche Natur grundsätzlich mit dem Kapitalismus unvereinbar ist) sind bis heute umstrittene große Streitfragen
  • Auch inklusive der heutigen Entwicklungen in der Künstlichen Intelligenz bleibt die Frage, ob technologische Innovation den ultimativen Ausdruck von Menschlichkeit ist oder eine Bedrohung derselben
    • Die Antwort bleibt ambivalent – sie war eine Aufgabe von 1910 und ist zugleich eine Sorge des Jahres 2025

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