- Umfangreiche analytische Studien machen deutlich, dass wissenschaftlicher Betrug in Form einer organisierten „Industrialisierung“ voranschreitet.
- Paper-Mill-Anbieter, Verlage, Fachzeitschriften und Vermittler bilden ein komplex verknüpftes Betrugsnetzwerk.
- Bei einigen Fällen wurden Herausgeber und Autoren identifiziert, die sich gegenseitig Artikel übernahmen und sich bei wissenschaftlichem Fehlverhalten zusammengetan haben.
- Die Anzahl gefälschter Publikationen zeigt zuletzt einen explosiven Anstieg, der die Geschwindigkeit von Aufdeckung und Rückzug überholt.
- Defizite in den Publikations- und Einstellungsbewertungssystemen sowie deren Anreizstrukturen wurden als Ursachen genannt, die das Wachstum der Betrugsindustrie vorantreiben.
Status und Analyse der industriellen wissenschaftlichen Fälschung
Einleitung: Die Struktur des wachsenden wissenschaftlichen Betrugs
- Bislang haben Experten für wissenschaftlichen Betrug bereits vor der Massenproduktion gefälschter Papers im industriellen Maßstab und deren hoher Raffinesse gewarnt.
- Eine groß angelegte Untersuchung zeigte Belege dafür, dass verschiedene Akteure wie Paper-Mills, Fachzeitschriften, Vermittler und Verlage aus wirtschaftlichen Interessen an Betrugspraktiken mitwirken.
- Die Studie analysierte tausende Publikationen, Autoren und Herausgeber und machte ein komplex verschlungenes Betrugssystem sichtbar.
Übersicht der Ergebnisse
- Die Veröffentlichung im Proceedings of the National Academy of Sciences bestätigte, dass Herausgeber- und Autorennetzwerke in organisierter Weise minderwertige Arbeiten in Journalen platzieren.
- Es wurden Fälle festgestellt, in denen große Organisationen auf einmal Fake-Papers einreichten und Broker Verbindungen zwischen Paper-Mills und Journals herstellten, die solche Arbeiten annehmen.
- Die Zahl gefälschter Paper ist insgesamt klein im Verhältnis zum Gesamtbestand, doch die Wachstumsrate übersteigt die Gesamtzahl wissenschaftlicher Publikationen deutlich.
Analyse korrupter Herausgeber und Manuskripte
- Die Forschenden wählten PLOS ONE als Zieljournal für die Suche nach korrupten Herausgebern, da dort viele Metadaten und die echten Namen der Herausgeber offenliegen und sich Unregelmäßigkeiten gut erkennen lassen.
- Für PLOS ONE wurden der Rückzugspfad der Artikel sowie alle Herausgeber von Publikationen identifiziert, die in PubPeer wegen Kritik oder Problemen beanstandet wurden.
- Es stellte sich heraus, dass 33 Herausgeber wiederholt für zurückgezogene und kritisierte Publikationen zuständig waren.
- Beispiel: Einer der Herausgeber verwaltete 79 Artikel, von denen 49 zurückgezogen wurden.
- Im Jahr 2024 betreuten diese Herausgeber nur 1,3 % der Gesamtpublikationen, aber fast ein Drittel aller Rückzüge.
Netzwerk der Kollusion zwischen Herausgebern und Autoren
- Es gab zahlreiche Fälle von Herausgebern, die wiederholt Manuskripte desselben Autors bearbeiteten; in vielen Fällen waren diese Personen zugleich Autoren.
- Zwischen ihnen wird auf verschiedene Formen unerlaubter Kooperation hingewiesen, etwa Bestechung oder informelle Gegenseitigkeit unter Kollegen.
- Ähnliche Vorgänge wurden auch in rund zehn von Hindawi herausgegebenen Open-Access-Journalen beobachtet.
- Verlagsvertreter betonten, dass der primäre Fokus der Studie auf den offenen Daten von PLOS lag, dass das Problem der Paper-Mills jedoch branchenweit relevant ist.
Neu entdeckte Kollusionsfälle und wachsende Problemlage
- Kürzlich deckte auch der Verlag Frontiers ein Netzwerk aus 35 Herausgebern und Autoren auf, das Interessenkonflikte vertuschte und sich gegenseitig bei der Manuskriptbegutachtung half; 122 Artikel wurden zurückgezogen.
- Dieses Netzwerk veröffentlichte über 4.000 Arbeiten bei mehr als sieben Verlagen, was zusätzliche Untersuchungen erforderlich macht.
Vermittler und Paper-Mill-Dienstleister
- Über das bloße Zusammenspiel zwischen Paper-Mills und Kollusionsnetzwerken hinaus wurde ein organisiertes Verteilungsverhalten festgestellt, bei dem massenhaft Artikel zeitgleich an mehrere Journale eingereicht werden.
- Auf Basis von über 2.000 Artikeln mit Bildduplizierungsstreitigkeiten wurden Cluster nachverfolgt, in denen identische Bilder in mehreren Arbeiten vorkamen.
- In dieser Arbeitengruppe zeigte sich ein klares Muster: ein starker Fokus auf bestimmte Zeiträume und eine geringe Zahl von Journalen.
- Auch in diesem Prozess waren neben den Paper-Mills Vermittler Teil des Kollusionssystems.
Beispiel von Organisationen wie ARDA
- Fallanalyse der in Chennai (Indien) ansässigen Academic Research and Development Association (ARDA):
- Dienstleistungserbringung für Paper- und Thesis-Arbeiten sowie das Erzielen von Journal-Leistungen.
- Vermittlung von Veröffentlichungen im Namen der Forschenden über die eigene Website gegen eine Gebühr von 250 bis 500 US-Dollar.
- ARDA ist nicht selbst ein Paper-Mill-Anbieter, sondern agiert als Vermittler mit formaler Legalität.
- ARDA und ähnliche Organisationen zielen vor allem auf Doktorandinnen, Doktoranden und Nachwuchsforschende.
Rascher Anstieg gefälschter Arbeiten und Tempo
- Auf Basis jährlicher Daten aus 55 Datenbanken mit als verdächtig klassifizierten Arbeiten analysiert.
- Zwischen 2016 und 2020 verdoppelte sich die Zahl verdächtiger Paper etwa alle 1,5 Jahre, rund zehnmal schneller als die Gesamtzuwachsrate wissenschaftlicher Publikationen.
- Rückzüge und Beanstandungen in PubPeer verdoppelten sich im selben Zeitraum ebenfalls, nämlich alle 3,3 beziehungsweise 3,6 Jahre.
- Weil die Aufdeckungsgeschwindigkeit jedoch langsamer ist als die Zunahme gefälschter Arbeiten, steigt der Anteil von Betrug in der Wissenschaft.
Ursachen und strukturelle Faktoren
- Das globale Wachstum der Wissenschaft, die wachsende Zahl niedriger Impact-Faktoren, mehr Anonymität sowie ein auf Publikationsmengen fokussiertes Evaluationssystem fördern eine negative Rückkopplung.
- Bei jungen Forschenden steigt die Abhängigkeit von Paper-Mills, um im Wettbewerb mit Kollegen zu bestehen.
- In einigen medizinischen Bereichen sind solche Fake-Papers bereits in systematische Reviews und Meta-Analysen eingedrungen, was das Risiko birgt, dass das Verständnis zu Therapieansätzen und Arzneimittelwirksamkeit verzerrt wird.
Schlussfolgerung: Industrielles Ausmaß des Betrugs und Dringlichkeit der Reaktion
- Das Problem war bereits vermutet; die vorliegende Studie ist jedoch bedeutsam, weil sie diese Annahme deutlich belegt.
- Forschende und Expertinnen und Experten betonen, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft das Ausmaß erkennen und schnell entschlossene Maßnahmen entwickeln muss.
- Wenn Arbeitgeber, Bewertungsinstanzen, Verlage und andere Stakeholder keine konsequente Ahndung und eine Reform der Anreizstrukturen einführen, droht eine rasche Ausbreitung der betrügerischen „Industrie".
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