- Visa und Mastercard halten zusammen rund 90 % des weltweiten Markts für Zahlungsabwicklung; die kombinierte Marktkapitalisierung beider Unternehmen liegt bei 850 Milliarden US-Dollar
- Der historische Hintergrund der Kreditkartenbranche seit den 1950er Jahren und die aktive Beteiligung großer US-Banken führten zur Entstehung dieser Duopol-Struktur
- Mit Netzwerkeffekten, Vertriebsnetzwerken und starken Skaleneffekten gelang es ihnen, sich deutlich von neuen Marktteilnehmern und Wettbewerbern abzuheben
- In jüngster Zeit wachsen die Herausforderungen, etwa durch Forderungen großer Händler wie Amazon nach niedrigeren Gebühren sowie das Auftreten staatlich geförderter Zahlungsnetzwerke wie RuPay in Indien
- Fintech, digitale Wallets, Buy-Now-Pay-Later und regulatorische Veränderungen entwickeln sich zu neuen Bedrohungen für ihre Marktdominanz
Historischer Hintergrund der Kreditkartenbranche
- Im globalen Markt für Zahlungsabwicklung verfügen Visa und Mastercard über einen überwältigenden Marktanteil von mehr als 90 %
- Die Duopol-Struktur dieser beiden Unternehmen nahm ihren Anfang 1950 mit der Einführung der ersten modernen Kreditkarte durch Diners Club
- 1958 begann American Express mit der Ausgabe von Karten in großem Stil und erlangte damit eine bedeutende Marktposition; im selben Jahr startete Bank of America in Kalifornien ihre eigene Kreditkarte, benannte sie 1966 in Visa um und gliederte sie 1976 als eigenständiges Unternehmen aus
- 1966 brachte die Interbank Card Association, ein Zusammenschluss von Wettbewerbern, Master Charge auf den Markt; 1979 wurde der Name in Mastercard geändert
- Heute verzeichnen Visa und Mastercard selbst im S&P 500 einige der höchsten operativen Gewinnmargen (2023: Visa 67 %, Mastercard 57 %)
Wie Visa und Mastercard ihre Dominanz etablierten
- Neben dem First-Mover-Vorteil bei der frühen Einführung von Karten in den USA wurden Visa und Mastercard nach Vorreitern wie Diners Club und American Express direkt von großen Banken gegründet und verbreitet
- In der Anfangszeit wurden durch restriktive und geschlossene Verträge (Restrictive Contracts) neue Marktteilnehmer oder die Nutzung anderer Zahlungsnetzwerke faktisch blockiert
- American Express klagte gegen dieses monopolistische Verhalten und gewann zwar, doch zu diesem Zeitpunkt waren Netzwerkeffekte und die Unterstützung großer Finanzinstitute bereits fest etabliert
- Durch Netzwerkeffekte wurde das Ökosystem von Visa und Mastercard umso stärker, je mehr Banken und Händler sich dem Kartennetzwerk anschlossen
- In den USA verarbeitet Visa 60 % aller Debitkartentransaktionen, Mastercard 25 %; die Erlöse entstehen aus einem festen prozentualen Gebührenanteil je Transaktion
Geschäftsmodell und Wettbewerbsvorteile
- Visa und Mastercard geben selbst keine Karten aus und legen keine Zinssätze fest, sondern sind Anbieter von Zahlungsnetzwerken, die Banken, Händler und Verbraucher verbinden
- Die Erlösstruktur basiert auf Gebühren pro elektronischer Zahlung innerhalb des Netzwerks sowie auf Dienstleistungen für Finanzinstitute
- Wie eine digitale Version der Eisenbahn schaffen ihre Netzwerke so hohe Eintrittsbarrieren, dass Zahlungen im großen Maßstab ohne sie nur schwer möglich sind
- Dank des Netzwerkeffekts, bei dem der Wert mit der Zahl der teilnehmenden Nutzer (Banken/Händler/Verbraucher) steigt, ist ein später Markteintritt für neue Anbieter äußerst schwierig
- Breite Vertriebsnetzwerke durch Partnerschaften mit großen Banken und hohe Skalierbarkeit (Scalability) bei wachsendem Transaktionsvolumen festigen das globale Duopol
Regulierung und Herausforderungen im Markt
- Seit den 1970er- und 1980er-Jahren haben verschiedene Interessengruppen versucht, das Duopol aufzubrechen, sind jedoch gescheitert
- Zuletzt haben große Händler Druck ausgeübt, indem sie niedrigere Gebühren forderten; so kündigte Amazon an, in Großbritannien keine Visa-Kreditkarten mehr zu akzeptieren
- Würden Visa und Mastercard die Gebühren individuell für einzelne Händler senken, könnte dies zu Konflikten mit wichtigen Kunden wie großen Banken (z. B. JPMorgan Chase, Bank of America) führen
Staatlich getragene Zahlungsnetzwerke und globale Herausforderungen
- Die indische Regierung förderte das Zahlungsnetzwerk RuPay, das sich rasch zur Nummer eins bei der Ausgabe von Debitkarten in Indien entwickelte
- Mastercard und Visa legten bei der US-Regierung offiziell Beschwerde ein und warfen der indischen Regierung vor, ausschließlich RuPay zu bevorzugen
- Staatlich getragene Zahlungsnetzwerke entstehen neben RuPay auch in Japan (JCB), Russland (Alpha card) und Brasilien (Aurora)
- Visa und Mastercard berechnen Gebühren als prozentualen Anteil am Transaktionswert, während RuPay mit einem festen niedrigen Gebührenmodell seine Wettbewerbsfähigkeit erhöht
- Wenn staatliche Zahlungsnetzwerke weiter wachsen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Anbieter zur Senkung von Gebühren auf neue Netzwerke ausweichen
Aufstieg von Fintech und neuen Zahlungsinnovationen
- Mit der Verbreitung digitaler Wallets wie PayPal, Block (besser bekannt als Square) und Apple Pay wächst schnell ein Ökosystem direkter Geldüberweisungen, das nicht zwingend über die traditionellen Kartennetzwerke läuft
- Derzeit ist es üblich, dass Verbraucher Kredit- und Debitkarten mit digitalen Wallets verknüpfen, doch ein struktureller Wandel ist durchaus möglich
- China hat bereits mit Alipay und WeChat Pay ein Zahlungsökosystem geschaffen, das Bank- und Kartennetzwerke teilweise umgeht
- Das Wachstum von Buy-Now-Pay-Later-Anbietern wie Klarna und Affirm verbreitet Ratenzahlungen unter Verbrauchern und erhöht damit auch die Bedrohung für die Kreditkarte selbst
Fazit und Ausblick
- Die Dominanz von Visa und Mastercard in der Zahlungsabwicklung ist das Ergebnis eines Zusammenspiels aus historischem Kontext, strategischem Geschäftsmodell, technologischer Innovation und regulatorischen Eingriffen
- Der künftige Zahlungsmarkt dürfte stark von der Einführung neuer Technologien, regulatorischen Veränderungen und der Weiterentwicklung der Marktdynamik beeinflusst werden
- Je nach künftigem Vorgehen der Aufsichtsbehörden sowie der Entwicklung neuer Wettbewerber und technologischer Innovationen kann sich die Struktur des Zahlungsmarkts verändern
1 Kommentare
Hacker-News-Kommentare
Die brasilianische Zentralbank hat vor einigen Jahren Pix eingeführt. Dieses System dient inzwischen landesweit als grundlegende Infrastruktur für Überweisungen, ermöglicht sofortige und kostenlose Transfers für Privatpersonen und Unternehmen und ist bei allen Banken verfügbar. Kürzlich hat der US-Präsident Pix jedoch als unfaire Handelspraxis gegenüber den USA eingestuft und eine Untersuchung eingeleitet. Wenn man solche Maßnahmen sieht, wirkt es, als würde die US-Regierung den Status quo verteidigen wollen. Ich frage mich aber, wie groß die Auswirkungen wären, wenn es auch für den Dollar eine solche öffentliche digitale Infrastruktur gäbe
Indien betreibt seit 2016 UPI und verarbeitet inzwischen sogar mehr Transaktionen weltweit als Visa und Mastercard, zuletzt 650 Millionen pro Tag Artikel dazu. Zahlungsabwickler wie Visa oder Mastercard erheben damit praktisch eine private „Steuer“ in Höhe von 1 bis 3 % des BIP eines Landes und zwingen ihre eigenen Maßstäbe dafür auf, welche Transaktionen erlaubt sind. Da es mit UPI und Pix Alternativen gibt, ist es heute wirklich absurd, essenzielle nationale Infrastruktur privaten Unternehmen zu überlassen, die teurer und unbequemer sind
Das Problem des Kreditkartenmonopols ist ein typisches Beispiel dafür, dass die EU mit Regulierung ziemlich gut umgeht. In Europa sind die Gebühren für Debitkartenzahlungen auf 0,2 % und für Kreditkarten auf 0,3 % begrenzt. In den USA liegen sie dagegen bei etwa 2 %. US-Unternehmen zahlen dadurch jedes Jahr mehr als 100 Milliarden Dollar an die Kartennetzwerke. Würden dort Obergrenzen wie in Europa gelten, blieben 85 % dieses Geldes bei den Unternehmen
Auch der Fall China ist interessant. Beim WTO-Beitritt 2001 versprach das Land, seinen Markt für Finanzdienstleistungen vollständig auch für ausländische Anbieter zu öffnen, setzte das aber in der Praxis nicht um. Die USA gewannen 2012 eine WTO-Klage deswegen (im Interesse von Visa und Mastercard), und erst 2024 wurde Mastercard vollständig zugelassen. Visa ist bis heute nicht eingetreten. In der Zwischenzeit hat China sein eigenes Netzwerk aufgebaut und so ein Duopol vermieden. Mehr dazu
Ein Punkt aus dem Artikel, der nicht behandelt wurde: Stablecoins (USDC/USDT usw.) werden in den kommenden zehn Jahren eine enorme Rolle spielen. Bei internationalen SWIFT-Überweisungen sind mindestens sechs oder mehr Intermediäre beteiligt, während blockchainbasierte Transfers nur zwei benötigen, nämlich die Ein- und Auszahlungsintermediäre, und deshalb deutlich weniger als 1 bis 5 % kosten. Das läuft bereits auf etablierten Blockchains (ETH), die seit über zehn Jahren in Betrieb sind. Wenn solche Netzwerke – ähnlich wie UPI – auch in den inländischen Zahlungsverkehr eindringen, wird der Zahlungsmarkt irgendwann komplett umgekrempelt. Ein Punkt ist allerdings, dass Visa/Mastercard ebenfalls Anzeichen zeigen, sich dieser neuen Infrastruktur anzuschließen
Indiens Politik der finanziellen Inklusion (Jan Dhan Yojana) hat unbeabsichtigt Innovation ausgelöst. Die Regierung wollte den Ärmsten kostenlose Bankkonten bereitstellen, aber damit das funktioniert, mussten auch Kartengebühren entfallen. Visa und Mastercard wurden um Gebührenbefreiungen gebeten, lehnten jedoch beide ab, ebenso indische Banken. Deshalb begann Indien, seine eigene Karte bzw. sein eigenes Netzwerk (RuPay) gezielt aufzubauen, und das wurde zum Zentrum der Fintech-Innovation. Die meisten der heute 559 Millionen Konten wurden dank RuPay eröffnet. Ironischerweise hätte es den Erfolg von RuPay wohl nie gegeben, wenn Visa/Mastercard zugestimmt hätten
Die Marktdominanz von Visa und Mastercard beruht nicht allein auf technischer Innovation, sondern auf Netzwerkeffekten und engen Beziehungen zu Banken
Ein verwandtes Beispiel ist der Fall, in dem Valve unter Druck von Kreditkartenunternehmen bestimmte Erwachsenenspiele von Steam entfernte
Laut der US-Notenbank gab es 2021 100 Milliarden Debitkartenzahlungen und 51 Milliarden Kreditkartenzahlungen. Der durchschnittliche Zahlungsbetrag war bei Kreditkarten etwa doppelt so hoch, und die Gebühren lagen bei Debitkarten im Schnitt bei 0,73 %, bei Kreditkarten bei 1,5 bis 3,5 %. Ich selbst habe lange nur Debitkarten genutzt und nie einen Verbrauchervorteil darin gespürt, dass Kreditkartengebühren angeblich niedriger seien. Inzwischen optimiere ich Kreditkarten aktiv und „gewinne“, indem ich mehr Cashback und Punkte als die Jahresgebühr heraushole. Im Ergebnis werden die Vorteile für Kreditkartennutzer letztlich von anderen Gruppen wie Debitkartennutzern quersubventioniert
Länder, die vom US-Finanzsystem abhängig sind, zahlen am Ende einen Preis dafür. Deshalb sieht man bei größeren Staaten Bestrebungen, sich selbst zu schützen