Hinterhofkaffee und Jazz in Kyoto
(thedeletedscenes.substack.com)- Ein Reisebericht über den Reiz japanischer kleiner inhabergeführter Geschäfte und eine Kultur mit niedrigen Einstiegshürden
- Besuch eines kleinen Cafés im Hinterhof eines Wohnviertels in Kyoto, mit Fokus auf die Besonderheit des Ortes und seine Atmosphäre
- Tagsüber ein Café, nachts eine Bar, in der ein einziger Besitzer alles selbst organisiert und betreibt
- Der Raum ist klein, bietet aber mit Jazzmusik, Vintage-Audio und altmodischer Stimmung ein fantastisches Erlebnis
- Solche kleinen Läden sind ein zentrales Element einer menschlichen und freien urbanen Geschäftskultur
Japans kleine Geschäfte und die Erfahrung persönlicher Räume
- Bei der Vorbereitung einer Japanreise wurden verschiedenste charaktervolle kleine Läden entdeckt, etwa kleine Bars, Izakayas, Buchhandlungen und Plattenläden, die voller Leidenschaft ihrer Betreiber sind
- Während des Aufenthalts in Kyoto wurden einige dieser kleinen Läden tatsächlich besucht, und auf den Straßen noch viele weitere entdeckt
- Besonders beeindruckend waren die lebendige Geschäftswelt und Straßenkultur japanischer Städte sowie ein Umfeld, in dem normale Menschen leicht ein Geschäft gründen können
- Dieser Text stellt einen dieser Läden genauer vor
Entdeckung eines Cafés im Hinterhof eines Wohngebiets
- Vor dem Sightseeing in Kyoto wurde nach einem lokalen Café gesucht; über Google Maps wurde ein naher Ort gefunden, und anhand der Gebäudefotos fiel die Entscheidung zum Besuch
- Von außen wirkt es sehr klein, doch der Raum erstreckt sich entlang eines Gangs zwischen den Gebäuden
- Tatsächlich handelt es sich um eine kleine Hütte an der Zufahrt zu jemandes Haus, die tagsüber als Café und abends als Bar mit einfachem Bier und Whisky dient
- In Japan ist der Verkauf von Alkohol freier geregelt als in den USA
Getränkeerlebnis und Inszenierung des Raums
- Aus mehreren Bohnen- und Röstoptionen wurden jeweils unterschiedliche Sorten ausgewählt und bestellt
- Der Besitzer wiegt und mahlt die Bohnen selbst und bereitet den Kaffee im Hand-Drip-Verfahren zu
- Im Innenraum sind eine alte Kaffeemühle sowie ein Vintage-Denon-Plattenspieler und Verstärker ausgestellt und im Einsatz
- Der Raum fasst höchstens etwa 12 Personen, wirkt innen aber größer und gemütlicher als erwartet
- Jazz-Schallplatten laufen im Hintergrund, und die warmfarbigen Glühbirnen erzeugen die besondere Atmosphäre eines alten Raums
Die Besonderheit japanischer Kleingewerbekultur und des Eindrucks
- Das Gebäude ist alt, vermittelt aber statt bloßer Baufälligkeit eine eigene Stimmung und Zeitlichkeit
- Beim Betreten fühlt es sich an wie ein Portal in die Vergangenheit, abgeschnitten von der Außenwelt
- In diesem Raum existiert eine Zeitlichkeit, als sei die Zeit in den 1960er Jahren stehen geblieben
- Es vermittelt ein Gefühl, das in großen kommerziellen Räumen leicht verloren geht: nicht bloß Kunde zu sein, sondern ein echter Gast
- Kleine Geschäfte in einer zu Fuß erschließbaren Stadt lassen sich ganz natürlich besuchen, mit wenig unnötiger Reibung
Die Bedeutung frei zugänglicher kleiner Gründungen
- Ein prägnantes Merkmal des japanischen Kleingewerbes ist ein Umfeld, das es erlaubt, Hobbys und Leidenschaften in leicht kommerzieller Form zu verwirklichen
- Die Einstiegshürde ist sehr niedrig, sodass es jeder versuchen kann, ohne gleich große Risiken eingehen zu müssen
- Dahinter steht ein Umfeld, in dem regulatorische Hürden nicht übermäßig hoch sind und ein kleiner, lokaler, schöner freier Markt wachsen kann
Schluss und das Wesen der Erfahrung
- Auch der Kaffee selbst war von hervorragender Qualität
- Der Gemütszustand auf Reisen, fern vom Alltag neue Neugier und Freude zu erleben, verstärkt diese Eindrücke zusätzlich
- Das Gefühl, wie eingeladen zu sein, das von kleinen Geschäften ausgeht, wirkt als Teil der besonderen wirtschaftlichen Kultur japanischer Städte
Verwandte Lektüre
- I Am Here As You Are Here
- A Peek at What’s Possible
- Three Cheers For The Blue & White
- The Wolverine Claws
1 Kommentare
Hacker-News-Kommentare
Ein Kommentar weist darauf hin, wie auffällig das lebendige Geschäfts- und Straßenleben japanischer Städte ist und wie niedrig die Hürden für normale Menschen sind, daran teilzunehmen. Dabei wird einem bewusst, dass unterschiedliche Geschmäcker und individuelle Eigenheiten überleben und gedeihen können, wenn Märkte frei funktionieren und nicht durch Regulierung und überzogene Genehmigungssysteme eingeengt werden. Ähnlich sei es auch bei der kleinen Barszene in Melbourne und Sydney gewesen. In Sydney war die Eröffnung kleiner Bars wegen teurer Lizenzen schwierig, während Melbourne dank günstiger und inklusiver Politik voller einzigartiger und interessanter Orte war. Das beste Beispiel sei eine kleine Indie-Game-Bar, die bis vor Corona existierte und dann verschwand. Siehe Link
Auch Boston in den USA ist ein ähnliches Beispiel. Historisch gesehen gibt es dort kein besonders aktives Nachtleben, und der Grund ist klar: Der Bundesstaat vergibt Alkohollizenzen nur in begrenzter Zahl, und jedes Jahr kommen nur wenige hinzu. Neue Betreiber müssen deshalb bestehende Lizenzen zu sehr hohen Preisen kaufen, im Schnitt für mehr als 500.000 Dollar. Dadurch können nur große Franchise-Ketten diese Eintrittsbarriere überwinden, während kleine, eigenwillige Lokale oft gar keine Chance bekommen
Es wirkt, als würden Stadtplaner in Nordamerika unser Leben behindern, ohne dass wir es überhaupt merken
Ich denke, auch Immobilien spielen eine große Rolle. Wenn die Bevölkerung jährlich um mehr als 500.000 Menschen sinkt, lässt der Druck durch Mieten und Grundstückswerte etwas nach. Als ich in New York lebte, habe ich oft gesehen, wie kleine Läden im Viertel wegen steigender Mieten schließen mussten, und am Ende konnten sich nur margenstarke Ketten wie Starbucks oder H&M die Mieten leisten
Jemand teilt Standortinformationen zu der erwähnten Bar in Osaka, die wohl
spacesbarheißt. Sie ist noch geöffnet und war ein sehr cooler Retro-Game-Bar-Ort LinkJemand berichtet von einem Besuch in einer Jazz-Izakaya in Kanazawa. Es gab nur zwei Sitzplätze, einen älteren Barkeeper und einen alten Stammgast. Trinkgeld zu geben sei unüblich und unhöflich, aber dem Barkeeper einen Drink auszugeben sei kulturell völlig in Ordnung. Nach der Bestellung eines japanischen Whiskys saßen die drei 40 Minuten lang still zusammen und hörten eine Sonny-Rollins-LP. Beeindruckend war auch die besondere Atmosphäre japanischer Bars und Cafés, von winzigen Läden mit mechanischem Quittungsdrucker bis zu Ecken-Cafés mit nichts als Sitzkissen. Empfohlen werden auch Orte wie Brown Sugar in Kyoto sowie Jim Crow und Half Note in Sapporo. Oft heißt es, ohne Japanisch komme man nicht hinein, aber manchmal gerät man einfach zufällig hinein. Selbst Studienfreunde von der Universität Kyoto, die aus schwarzem Adel stammen, hätten oft erlebt, dass der Zugang unabhängig von Sprache oder Herkunft eingeschränkt war. Jim Crow, Half Note
Es gibt Zustimmung zu der Meinung, dass die japanische Geschäftslandschaft und das städtische Umfeld oft ein Gefühl des „Staunens“ hervorrufen. Wenn man im Freitags-Stand-up über Wochenendpläne spricht, sagt man gern etwas wie „Ich lasse New York einfach mit mir passieren“, aber man hat das Gefühl, dass charaktervolle kleine Läden wegen steigender Mieten immer mehr verschwinden und durch Ketten mit multinationalem Kapital ersetzt werden. Trotzdem ist New York innerhalb der USA noch immer eine Stadt, die dieses „Staunen“ in sich trägt. Früher gab es im Viertel ein japanisch angehauchtes Café namens House of Small Wonder, das inzwischen durch einen Glossier-Kosmetikladen ersetzt wurde
Kleine Bars und Cafés in Japan werden oft „kissa“ oder „jazz kissa“ genannt und schaffen anders als gewöhnliche Cafés eine Atmosphäre, in der man sich ganz aufs Musikhören konzentrieren kann. Chris Broad (Abroad in Japan) hat den Besitzer des Kissa Basie in Ichinoseki interviewt Jazz-kissa-Wiki, Basie-Interview auf YouTube. Es soll auch ein Kissa geben, das voller Star-Wars-Sammlerstücke ist, und jemand fragt sich, wo das wohl ist
Tavern Pachimon Wars in Osaka scheint gut auf die Beschreibung eines Star-Wars-Kissa zu passen
Nijo Koya in Kyoto ist ein weiterer interessanter Ort
Chris Broad ist eine sehr inspirierende Person
Der Grund, warum es nicht alt wirkt, ist, dass es tatsächlich nicht alt ist. Es liegt nirgends Staub, und an den Wänden sind keine Schrammen. Der Unterschied zwischen „vintage mit Charme“ und „einfach nur alter Müll“ entsteht durch die Sorgfalt eines ganzen Lebens
Die Beschreibung, dass es „nicht abgenutzt aussieht“, löst bei mir etwas Widerstand aus. Diese Atmosphäre ist bewusst gestaltet. Der gesamte Ort wird sauber gehalten, und nichts wirkt chaotisch
Ich halte das für eine wirklich hervorragende Beobachtung. Wenn man einen kleinen Raum betritt, wirkt er oft viel größer und sogar erhabener, als er tatsächlich ist. Ich denke, das liegt daran, wie viele Menschen ihn im Lauf der Zeit geschätzt und gepflegt haben und welche Spuren sie hinterlassen haben. Räume voller menschlicher Spuren fühlen sich instinktiv wie gute Orte an, als lägen darin Tiefe der Zeit und viele übereinandergeschichtete Geschichten. Im Gegensatz dazu können riesige Einkaufszentren oder Büros ohne jede Spur von Menschen geradezu erdrückend wirken
Es ist sehr sauber, und auch Beleuchtung und räumliche Details sind bewusst gewählt. Statt billigem Plastik gibt es viele langlebige Materialien wie Holz
Ich vermisse San Francisco aus den frühen 2010er-Jahren. Besonders eindrucksvoll waren Orte wie eine Weinbar mit drei Plätzen in einem Waschsalon, ein Sushi-Restaurant, das in der Garage eines Freundes versteckt war, ein eigenwilliges Café mit bloßen Sitzkissen auf dem Boden oder ein kleiner Laden mit funktionierendem Quittungsdrucker auf Schreibmaschinenbasis
In der Nähe des Bambuswaldes in Kyoto habe ich ein Café besucht, das aus dem echten Haus einer Großmutter umgebaut worden war, und in diesem Moment empfand ich tiefe Wehmut über Stadtplanung und Nutzungsbeschränkungen
Auch in Japan gibt es Zoning, aber es wird sehr vernünftig gehandhabt. In den USA ist es viel zu restriktiv, sodass bestimmte Gebäudetypen nur an festgelegten Orten gebaut werden dürfen. Wegen HUD-Problemen bekommt man für Eigentumswohnungen manchmal keine FHA-Kredite. In Japan dagegen gibt es landesweit einheitliche Regeln, und wenn ein Gebiet etwa für „Leichtindustrie“ ausgewiesen ist, sind alle weniger intensiven Nutzungen ebenfalls erlaubt. Deshalb können dort Cafés, Häuser, Apartments und sogar Maschinenfabriken nebeneinander existieren
In der Nähe des Bambuswaldes gibt es keine Hochhäuser, und die für Kyoto typische hohe Dichte zusammen mit dem hervorragenden öffentlichen Verkehr ist ein großer Vorteil
Japan ist wirklich ein Land, das „Ästhetik“ vollendet hat. Besonders erstaunlich ist, dass diese Ästhetik auch in Großstädten umgesetzt wird. Zum Beispiel gelten Ranken, die Lagerhauswände überwuchern, nicht als etwas, das entfernt werden muss, sondern als Element, das Tiefe und gelebte Zeit hinzufügt. Ordnung ist wichtig, aber indem man den Lauf der Natur bis zu einem gewissen Grad zulässt, erhalten Bauwerke einen lebendigen Reiz. Man fragt sich, ob ein perfekt gestutzter Rasen wirklich schön ist. Pflanzen, die aus Rissen wachsen, wirken manchmal sogar schöner. Es geht um eine Haltung, die über „Sauberkeit“ hinausgeht und den natürlichen Verlauf selbst respektiert. Bezug
Wichtig ist nicht nur die Sorge, ob es „schmutzig“ ist. Ein Baum, der aus einer Gebäudespalte wächst, kann schön sein, aber man muss auch an Sicherheit und mögliche Strukturschäden denken. Wachsende Pflanzen sehen ästhetisch gut aus, doch wenn man sie einfach gewähren lässt, können ganz praktische Probleme wie Schimmel oder Dämmung entstehen
Ich war noch nie in Japan, aber als ich in Norwegen lebte, wirkte auch die westliche Ästhetik dort sehr ausgefeilt. Norweger mögen den japanischen beziehungsweise Zen-Stil sehr, und obwohl das Klima rau ist, haben die meisten Häuser frische Blumen. Außerdem gibt es das Wort „koselig“ (gemütlich + mehr als das). Japanische Cafés verkörpern diese Stimmung vielleicht am besten
Beim Herumlaufen in Tokios Hintergassen sah ich Fahrräder, die von Ranken überwuchert waren. In SF wären solche Fahrräder wohl innerhalb eines Tages verschwunden, aber dort blieben sie lange unverändert stehen. Das wirkte besonders, weil es sicher war und die Gegend weder schlampig noch verlassen erschien
Ich war einmal etwa zwei Wochen nicht zu Hause und bekam von der Stadt gleich eine Strafandrohung wegen des Rasens. Die „Ästhetik des perfekt gestutzten Rasens“ ist stark von lokalen Vorschriften geprägt
Tatsächlich verlangen auch japanische Gärten enorm viel Pflege, nur der Stil ist ein anderer
Japan schöpft Schönheit aus der Einfachheit selbst. Trotz wirtschaftlicher Probleme oder Bevölkerungsrückgangs bewahrt das Land die Fähigkeit, Einfachheit im Leben aufrechtzuerhalten, und gerade daraus entsteht die Tiefe der japanischen Kultur
Die Netflix-Serie „Midnight Diner“ kommt einem in den Sinn. Die Geschichte spielt in einer kleinen Izakaya in Shibuya und entfaltet sich vor allem durch die Gespräche zwischen dem Meister und den Stammgästen. Gerade darin, wie sie fast theaterhaft schlichte Alltagsszenen und ganz unterschiedliche Geschichten einfängt, liegt ihr Reiz
Ich bin etwas müde von der auf Hacker News häufigen „Japan-Idealisierung“, aber diese Serie würde selbst ich als Zyniker empfehlen. In japanischen Filmen und Anime gibt es viele solche unaufgeregten Alltagsgeschichten, low-stakes slice-of-life. Ich habe so etwas auch schon im Wechsel mit Filmen von Hirokazu Koreeda oder spanischen Filmen von Almodóvar gesehen
„Midnight Diner“ basiert ursprünglich auf einem Manga Shinya Shokudō Wiki