- Alex Lazarow, Gründer von Fluent VC, teilt 10 konträre Strategien für erfolgreiche Fintech-Investitionen
1. Der Moat eines Startups und die TAM-Gleichung
- Allgemein gilt ein starker Moat als wichtig, damit ein Startup seinen Wettbewerbsvorteil verteidigen kann
- Finanzdienstleistungen sind jedoch ein riesiger Markt, der in den USA etwa 20 % des BIP ausmacht, und mit der Zeit neigt die Produktdifferenzierung bei den meisten Angeboten dazu, schwächer zu werden
- Erfolgreiche Fintech-Beispiele haben den Markt durch Faktoren wie die folgenden dominiert
- Überlegenes Produkt: die einfache API von Stripe
- Besseres Wertversprechen: Chime (kostenloses Bankkonto)
- Einzigartiger Marktzugang: die Partnerschaft von Guideline und Gusto
- Ansprache einer unterschätzten großen Kundengruppe: Nubank
- Da der TAM (Total Addressable Market) für Finanzdienstleistungen sehr groß ist, können Produktdifferenzierung und Verkaufsgeschwindigkeit wichtiger sein als ein Moat
- Beispiele
- Robinhood: Der Service selbst war nicht differenziert, hat aber ein großes Geschäft aufgebaut
- Ramp: War im Bereich Spend Management ein Nachzügler, wuchs jedoch durch schnelle Produktveröffentlichungen
- Etablierte Unternehmen und konkurrierende Startups werden erfolgreiche Modelle letztlich kopieren, aber hohes Wachstum und schnelle Produktverbesserungen können das Risiko verringern, kopiert zu werden
- Im Fintech-Bereich kann zudem ein Moat durch Skaleneffekte entstehen
2. Proaktive Haltung gegenüber Regulierungsbehörden in regulierten Branchen
- Fintech ist letztlich zuerst „Fin“; transparente und offene Zusammenarbeit mit Regulierungsbehörden ist daher unverzichtbar
- Gegenüber Unternehmen ohne Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit Regulierungsbehörden ist er skeptisch
- Das ist auch einer der Gründe, warum der Autor in den letzten zehn Jahren nicht in den Krypto-Bereich investiert hat
- Bevorzugt werden Gründer, die nicht nur Gesetze einhalten, sondern auch den Geist des Gesetzes und den Grund für den Kundenschutz respektieren
- Es gibt mehr erfolgreiche Beispiele von Gründern mit einer proaktiven Kommunikations- und Kooperationshaltung gegenüber Regulierungsbehörden
- Dieses Prinzip gilt nicht nur für Fintech, sondern für alle regulierten Branchen
3. Jung ist nicht automatisch besser
- Früher war der Gründer in den Zwanzigern mit Hoodie das typische Startup-Bild, doch heute treten Gründer mit langjähriger Branchenerfahrung stärker hervor
- Natürlich gibt es Erfolgsgeschichten junger Gründer wie bei Stripe oder Meta, aber oft sind es erfahrene Gründer, die mit Domain-Expertise erfolgreich sind
- Das hängt auch mit der Haltung zur Zusammenarbeit mit Regulierungsbehörden zusammen
- Wichtig ist zu verstehen, warum genau dieser Gründer für die Lösung eines bestimmten Problems außergewöhnlich geeignet ist
- In der Folge besteht eine Tendenz, in erfahrene Gründer mit tieferer Domain-Expertise zu investieren
4. Geografische Lage als Vorteil nutzen
- Studien zeigen, dass erfolgreiche Startups („Fund Returners“) außerhalb des Silicon Valley und weltweit zunehmen
- Strukturelle Vorteile globaler Startups
- Niedrigere Kosten, wodurch mit derselben Investitionssumme mehr erreicht werden kann → geringeres Geschäftsrisiko
- Weniger harter Wettbewerb, was die Chance auf größeren Erfolg erhöht
- Nachteile können jedoch kleinere Märkte oder ein begrenzter Zugang zu Venture Capital sein
- Tatsächlich sind einige der größten Fintech-Unternehmen der Welt außerhalb des Silicon Valley entstanden
- Nubank (Brasilien): die größte Neobank der Welt
- Ofbusiness (Indien): der größte Embedded-Fintech-Marktplatz
- Klarna (Schweden): das weltweit größte BNPL-Unternehmen (Buy Now, Pay Later)
5. Die Bedeutung der Unit Economics
- Schnelles Wachstum mag attraktiv erscheinen, ist aber bedeutungslos, wenn es auf nicht nachhaltigen Unit Economics beruht
- Der Autor „bevorzugt Kamele gegenüber Unicorns“
- Damit sind Startups mit robustem Geschäftsmodell statt mit bloßer Blase gemeint
- Beim Treffen mit Gründern prüft er zuerst, wie gut sie ihre aktuellen Unit Economics verstehen
- Gibt es nicht nur eine Idee, sondern bereits als echtes Geschäftsmodell validierte Elemente?
- Wie wird das Timing der Cashflows gemanagt? (mehr dazu im nächsten Abschnitt)
- In frühen Phasen muss nicht alles perfekt sein, aber entscheidend ist, wie gut die wichtigsten Kennzahlen verstanden werden
- Fintech ist eine Branche mit starkem Scale-Game-Effekt
- Zahlungsunternehmen und Neobanken können mit zunehmender Größe bessere Partnerschaftskonditionen sichern
- Wenn die frühen Unit Economics ein gewisses Niveau erreichen, verbessern sie sich beim Wachstum oft weiter
- In anderen Branchen können sich die Unit Economics mit zunehmendem Wachstum dagegen auch verschlechtern
- Frühe Unit Economics sind ein zentrales Fundament des Geschäfts und müssen daher unbedingt geprüft werden
6. Die Bedeutung des Cash-Cycle
- Ein gutes Startup sollte starke Unit Economics haben, aber ein großartiges Startup sollte zusätzlich einen „negative cash cycle“ sichern
- Was ist ein negativer Cash-Cycle?
- Kunden zahlen zuerst Geld ein, während die Zahlungspflicht erst später entsteht
- Dadurch kann das operative Kapital ohne externe Finanzierung intern beschafft werden
- Beispiel: Lending-Startup
- Wenn ein Kreditunternehmen 100 % des Kreditvolumens refinanzieren kann, ist der Betrieb ohne zusätzliche Mittel möglich
- Wenn nur 80 % refinanziert werden können, müssen die fehlenden 20 % zusätzlich beschafft werden → fortlaufender Finanzierungsbedarf
- Je schneller das Wachstum, desto größer die Last zusätzlicher Finanzierung: ein paradoxer Wachstumsdruck
- Dasselbe Prinzip gilt auch in anderen Fintech-Bereichen
- Insurtech: Für Versicherungsverträge muss unter Umständen vorab ein bestimmtes Kapital vorgehalten werden
- Payments und Neobanken: Es werden Reserveguthaben benötigt
- Beispiel für die Optimierung des Cash-Cycle: Nubank
- Nubank erhält Geld vorab von Kunden und verzögert den Zeitpunkt der Zahlung an Händler
- So lassen sich Cashflows steuern und schnelles Wachstum ohne zusätzliche Finanzierung ermöglichen
- Die Optimierung des Cash-Cycle kann ein durchschnittliches Startup in ein großartiges verwandeln
7. Startups brauchen schon in einer frühen Phase ein Finanzmodell
- Das Finanzmodell eines frühen Startups muss nicht perfekt sein, ist aber unverzichtbar
- Startups beginnen ohne bereits klar definiertes Geschäftsmodell, und in der Pre-Seed-Phase ist die Unsicherheit groß
- Oft wird das Geschäftsmodell erst ab Series A wirklich klarer
- Unit Economics, die Tiefe von Vertriebskanälen usw. können anfangs nur grobe Schätzungen sein
- Einige Gründer und VCs behaupten, in der Seed-Phase sei kein Finanzmodell nötig
- Aber gerade für Startups, die komplexe Finanzintermediationsmodelle wie im Fintech bearbeiten, ist ein Finanzmodell essenziell
- Beispiele:
- Lending-Startup: vergibt zunächst Geld, schreibt einen Teil davon ab, zahlt Kapitalkosten und erzielt daraus Erträge
- Insurance-Startup: vereinnahmt zunächst Prämien, zahlt später Risiken und verwaltet die Verträge
- Es geht nicht um perfekte Zahlen, sondern darum, die finanzielle Denkweise des Gründers zu beurteilen
- Zu prüfen ist, wie tief der Gründer Kostenstruktur, Gross Margin und Cash Burn versteht
- Ebenfalls bewertet wird, wie differenziert seine Sicht auf verschiedene Szenarien ist
- Aus VC-Sicht ist das Finanzmodell ein zentraler Weg, um zu prüfen, wie gut Gründer ihre Domäne und ihr Geschäftsmodell verstehen
8. VCs sollten kein eigenes Finanzmodell bauen
- Da Geschäftsmodell und Annahmen früher Startups unsicher sind, ist es unmöglich, ein perfektes Finanzmodell zu erstellen
- Wenn VCs selbst ein neues Finanzmodell bauen, verstärken sie dadurch oft nur Fehler
- In späteren Phasen werden Annahmen klarer, und Szenarioanalysen gewinnen an Wert
- In frühen Phasen sind Gründer dem Geschäft jedoch am nächsten und können daher eher ein besseres Modell als ein VC erstellen
- Für VCs gilt in der Seed-Phase grundsätzlich, das Modell des Gründers zu nutzen
- Statt selbst ein neues Modell zu bauen, sollte auf Basis des Gründer-Modells eine Sensitivitätsanalyse durchgeführt werden
- Dabei wird tiefgehend analysiert, wie sich Annahmen zu Unit Economics, Verwässerung (Dilution) und Exit-Multiple auf die Rendite auswirken
- VCs sollten ihre Investitionsentscheidung auf das Modell des Gründers stützen und kein eigenes Modell bauen müssen
9. Die Tiefe des Geschäftsmodells ist wichtig – nicht Buzzwords hinterherlaufen
- In den letzten Jahren sind Startups rund um Buzzwords wie Crypto, NFT und AI aufgetaucht, aber kein Technologietrend ist eine Universallösung
- In frühen Phasen sind überzogene Erwartungen verbreitet
- Der Markt für Finanzdienstleistungen ist riesig, wird aber weiterhin von etablierten Unternehmen dominiert
- Selbst wenn neue Fintech-Trends auftauchen, gelingt es ihnen oft nicht, die bestehende Finanzindustrie vollständig zu erobern
- Gründer müssen nicht alles neu erfinden
- Es kann wirkungsvoller sein, mit etablierten Unternehmen zusammenzuarbeiten oder neue Vertriebsstrategien auf Basis von Daten aufzubauen
- VCs sollten sich nicht von aktuellen Hypes mitreißen lassen, sondern auf Geschäftsmodelle fokussieren, die langfristig dauerhafte Veränderungen bewirken können
- Erfolgreiche Venture-Investoren brauchen einen konträren Ansatz gegen den Mainstream
- Entscheidend ist nicht, ob ein Unternehmen nur zu einem „angesagten Thema“ passt, sondern ob sein Modell innerhalb einer bestehenden Branche echte Veränderungen schaffen kann
10. Kundenzentrierung (Customer-Centric Approach)
- Jeder VC sollte kundenorientiert denken, und im Fintech gilt das umso mehr
- Wenn man darüber nachdenkt, welche Geschäfte Regulierungsbehörden stoppen könnten, helfen Fragen wie
- „Ist dieser Service wirklich gut für den Kunden?“
- „Werden Kunden wie reife Erwachsene behandelt? (Ist der Service transparent, offen und respektvoll?)“
- Kernprinzip: Unternehmen, die Kunden grundsätzlich gute Services bieten, sind nachhaltig
- sei es durch besseren Service zu niedrigeren Kosten oder
- durch ein Geschäftsmodell auf Basis höherer Transparenz und Verlässlichkeit
- Finanzdienstleistungen sind eine sticky Branche, in der Kunden nicht leicht abwandern
- Wenn Kunden überlegen, einen bestehenden Service aufzugeben und zu einem neuen zu wechseln, sollte man sich unbedingt fragen
- „Ist dieses Produkt wirklich deutlich besser als der bisherige Service?“
- „Würde ich es selbst nutzen?“
- „Würden auch mein Ehepartner oder meine Eltern es gern nutzen?“
- Wenn man diese Fragen nicht mit Überzeugung mit „Ja“ beantworten kann, wird es schwer, Kunden zu überzeugen
- Fazit: Am wichtigsten ist die Bewertung des Geschäfts aus Kundensicht, und die Stimme des Kunden muss oberste Priorität haben
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