7 Punkte von xguru 2025-04-30 | Noch keine Kommentare. | Auf WhatsApp teilen
  • Alex Lazarow, Gründer von Fluent VC, teilt 10 konträre Strategien für erfolgreiche Fintech-Investitionen

1. Der Moat eines Startups und die TAM-Gleichung

  • Allgemein gilt ein starker Moat als wichtig, damit ein Startup seinen Wettbewerbsvorteil verteidigen kann
  • Finanzdienstleistungen sind jedoch ein riesiger Markt, der in den USA etwa 20 % des BIP ausmacht, und mit der Zeit neigt die Produktdifferenzierung bei den meisten Angeboten dazu, schwächer zu werden
  • Erfolgreiche Fintech-Beispiele haben den Markt durch Faktoren wie die folgenden dominiert
    • Überlegenes Produkt: die einfache API von Stripe
    • Besseres Wertversprechen: Chime (kostenloses Bankkonto)
    • Einzigartiger Marktzugang: die Partnerschaft von Guideline und Gusto
    • Ansprache einer unterschätzten großen Kundengruppe: Nubank
  • Da der TAM (Total Addressable Market) für Finanzdienstleistungen sehr groß ist, können Produktdifferenzierung und Verkaufsgeschwindigkeit wichtiger sein als ein Moat
  • Beispiele
    • Robinhood: Der Service selbst war nicht differenziert, hat aber ein großes Geschäft aufgebaut
    • Ramp: War im Bereich Spend Management ein Nachzügler, wuchs jedoch durch schnelle Produktveröffentlichungen
  • Etablierte Unternehmen und konkurrierende Startups werden erfolgreiche Modelle letztlich kopieren, aber hohes Wachstum und schnelle Produktverbesserungen können das Risiko verringern, kopiert zu werden
  • Im Fintech-Bereich kann zudem ein Moat durch Skaleneffekte entstehen

2. Proaktive Haltung gegenüber Regulierungsbehörden in regulierten Branchen

  • Fintech ist letztlich zuerst „Fin“; transparente und offene Zusammenarbeit mit Regulierungsbehörden ist daher unverzichtbar
  • Gegenüber Unternehmen ohne Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit Regulierungsbehörden ist er skeptisch
    • Das ist auch einer der Gründe, warum der Autor in den letzten zehn Jahren nicht in den Krypto-Bereich investiert hat
  • Bevorzugt werden Gründer, die nicht nur Gesetze einhalten, sondern auch den Geist des Gesetzes und den Grund für den Kundenschutz respektieren
  • Es gibt mehr erfolgreiche Beispiele von Gründern mit einer proaktiven Kommunikations- und Kooperationshaltung gegenüber Regulierungsbehörden
  • Dieses Prinzip gilt nicht nur für Fintech, sondern für alle regulierten Branchen

3. Jung ist nicht automatisch besser

  • Früher war der Gründer in den Zwanzigern mit Hoodie das typische Startup-Bild, doch heute treten Gründer mit langjähriger Branchenerfahrung stärker hervor
  • Natürlich gibt es Erfolgsgeschichten junger Gründer wie bei Stripe oder Meta, aber oft sind es erfahrene Gründer, die mit Domain-Expertise erfolgreich sind
  • Das hängt auch mit der Haltung zur Zusammenarbeit mit Regulierungsbehörden zusammen
  • Wichtig ist zu verstehen, warum genau dieser Gründer für die Lösung eines bestimmten Problems außergewöhnlich geeignet ist
  • In der Folge besteht eine Tendenz, in erfahrene Gründer mit tieferer Domain-Expertise zu investieren

4. Geografische Lage als Vorteil nutzen

  • Studien zeigen, dass erfolgreiche Startups („Fund Returners“) außerhalb des Silicon Valley und weltweit zunehmen
  • Strukturelle Vorteile globaler Startups
    • Niedrigere Kosten, wodurch mit derselben Investitionssumme mehr erreicht werden kann → geringeres Geschäftsrisiko
    • Weniger harter Wettbewerb, was die Chance auf größeren Erfolg erhöht
  • Nachteile können jedoch kleinere Märkte oder ein begrenzter Zugang zu Venture Capital sein
  • Tatsächlich sind einige der größten Fintech-Unternehmen der Welt außerhalb des Silicon Valley entstanden
    • Nubank (Brasilien): die größte Neobank der Welt
    • Ofbusiness (Indien): der größte Embedded-Fintech-Marktplatz
    • Klarna (Schweden): das weltweit größte BNPL-Unternehmen (Buy Now, Pay Later)

5. Die Bedeutung der Unit Economics

  • Schnelles Wachstum mag attraktiv erscheinen, ist aber bedeutungslos, wenn es auf nicht nachhaltigen Unit Economics beruht
  • Der Autor „bevorzugt Kamele gegenüber Unicorns“
    • Damit sind Startups mit robustem Geschäftsmodell statt mit bloßer Blase gemeint
  • Beim Treffen mit Gründern prüft er zuerst, wie gut sie ihre aktuellen Unit Economics verstehen
    • Gibt es nicht nur eine Idee, sondern bereits als echtes Geschäftsmodell validierte Elemente?
    • Wie wird das Timing der Cashflows gemanagt? (mehr dazu im nächsten Abschnitt)
  • In frühen Phasen muss nicht alles perfekt sein, aber entscheidend ist, wie gut die wichtigsten Kennzahlen verstanden werden
  • Fintech ist eine Branche mit starkem Scale-Game-Effekt
    • Zahlungsunternehmen und Neobanken können mit zunehmender Größe bessere Partnerschaftskonditionen sichern
    • Wenn die frühen Unit Economics ein gewisses Niveau erreichen, verbessern sie sich beim Wachstum oft weiter
    • In anderen Branchen können sich die Unit Economics mit zunehmendem Wachstum dagegen auch verschlechtern
  • Frühe Unit Economics sind ein zentrales Fundament des Geschäfts und müssen daher unbedingt geprüft werden

6. Die Bedeutung des Cash-Cycle

  • Ein gutes Startup sollte starke Unit Economics haben, aber ein großartiges Startup sollte zusätzlich einen „negative cash cycle“ sichern
  • Was ist ein negativer Cash-Cycle?
    • Kunden zahlen zuerst Geld ein, während die Zahlungspflicht erst später entsteht
    • Dadurch kann das operative Kapital ohne externe Finanzierung intern beschafft werden
  • Beispiel: Lending-Startup
    • Wenn ein Kreditunternehmen 100 % des Kreditvolumens refinanzieren kann, ist der Betrieb ohne zusätzliche Mittel möglich
    • Wenn nur 80 % refinanziert werden können, müssen die fehlenden 20 % zusätzlich beschafft werden → fortlaufender Finanzierungsbedarf
    • Je schneller das Wachstum, desto größer die Last zusätzlicher Finanzierung: ein paradoxer Wachstumsdruck
  • Dasselbe Prinzip gilt auch in anderen Fintech-Bereichen
    • Insurtech: Für Versicherungsverträge muss unter Umständen vorab ein bestimmtes Kapital vorgehalten werden
    • Payments und Neobanken: Es werden Reserveguthaben benötigt
  • Beispiel für die Optimierung des Cash-Cycle: Nubank
    • Nubank erhält Geld vorab von Kunden und verzögert den Zeitpunkt der Zahlung an Händler
    • So lassen sich Cashflows steuern und schnelles Wachstum ohne zusätzliche Finanzierung ermöglichen
  • Die Optimierung des Cash-Cycle kann ein durchschnittliches Startup in ein großartiges verwandeln

7. Startups brauchen schon in einer frühen Phase ein Finanzmodell

  • Das Finanzmodell eines frühen Startups muss nicht perfekt sein, ist aber unverzichtbar
    • Startups beginnen ohne bereits klar definiertes Geschäftsmodell, und in der Pre-Seed-Phase ist die Unsicherheit groß
    • Oft wird das Geschäftsmodell erst ab Series A wirklich klarer
    • Unit Economics, die Tiefe von Vertriebskanälen usw. können anfangs nur grobe Schätzungen sein
  • Einige Gründer und VCs behaupten, in der Seed-Phase sei kein Finanzmodell nötig
    • Aber gerade für Startups, die komplexe Finanzintermediationsmodelle wie im Fintech bearbeiten, ist ein Finanzmodell essenziell
    • Beispiele:
      • Lending-Startup: vergibt zunächst Geld, schreibt einen Teil davon ab, zahlt Kapitalkosten und erzielt daraus Erträge
      • Insurance-Startup: vereinnahmt zunächst Prämien, zahlt später Risiken und verwaltet die Verträge
  • Es geht nicht um perfekte Zahlen, sondern darum, die finanzielle Denkweise des Gründers zu beurteilen
    • Zu prüfen ist, wie tief der Gründer Kostenstruktur, Gross Margin und Cash Burn versteht
    • Ebenfalls bewertet wird, wie differenziert seine Sicht auf verschiedene Szenarien ist
  • Aus VC-Sicht ist das Finanzmodell ein zentraler Weg, um zu prüfen, wie gut Gründer ihre Domäne und ihr Geschäftsmodell verstehen

8. VCs sollten kein eigenes Finanzmodell bauen

  • Da Geschäftsmodell und Annahmen früher Startups unsicher sind, ist es unmöglich, ein perfektes Finanzmodell zu erstellen
  • Wenn VCs selbst ein neues Finanzmodell bauen, verstärken sie dadurch oft nur Fehler
    • In späteren Phasen werden Annahmen klarer, und Szenarioanalysen gewinnen an Wert
    • In frühen Phasen sind Gründer dem Geschäft jedoch am nächsten und können daher eher ein besseres Modell als ein VC erstellen
  • Für VCs gilt in der Seed-Phase grundsätzlich, das Modell des Gründers zu nutzen
    • Statt selbst ein neues Modell zu bauen, sollte auf Basis des Gründer-Modells eine Sensitivitätsanalyse durchgeführt werden
    • Dabei wird tiefgehend analysiert, wie sich Annahmen zu Unit Economics, Verwässerung (Dilution) und Exit-Multiple auf die Rendite auswirken
  • VCs sollten ihre Investitionsentscheidung auf das Modell des Gründers stützen und kein eigenes Modell bauen müssen

9. Die Tiefe des Geschäftsmodells ist wichtig – nicht Buzzwords hinterherlaufen

  • In den letzten Jahren sind Startups rund um Buzzwords wie Crypto, NFT und AI aufgetaucht, aber kein Technologietrend ist eine Universallösung
  • In frühen Phasen sind überzogene Erwartungen verbreitet
  • Der Markt für Finanzdienstleistungen ist riesig, wird aber weiterhin von etablierten Unternehmen dominiert
    • Selbst wenn neue Fintech-Trends auftauchen, gelingt es ihnen oft nicht, die bestehende Finanzindustrie vollständig zu erobern
  • Gründer müssen nicht alles neu erfinden
    • Es kann wirkungsvoller sein, mit etablierten Unternehmen zusammenzuarbeiten oder neue Vertriebsstrategien auf Basis von Daten aufzubauen
  • VCs sollten sich nicht von aktuellen Hypes mitreißen lassen, sondern auf Geschäftsmodelle fokussieren, die langfristig dauerhafte Veränderungen bewirken können
    • Erfolgreiche Venture-Investoren brauchen einen konträren Ansatz gegen den Mainstream
    • Entscheidend ist nicht, ob ein Unternehmen nur zu einem „angesagten Thema“ passt, sondern ob sein Modell innerhalb einer bestehenden Branche echte Veränderungen schaffen kann

10. Kundenzentrierung (Customer-Centric Approach)

  • Jeder VC sollte kundenorientiert denken, und im Fintech gilt das umso mehr
  • Wenn man darüber nachdenkt, welche Geschäfte Regulierungsbehörden stoppen könnten, helfen Fragen wie
    • „Ist dieser Service wirklich gut für den Kunden?“
    • „Werden Kunden wie reife Erwachsene behandelt? (Ist der Service transparent, offen und respektvoll?)“
  • Kernprinzip: Unternehmen, die Kunden grundsätzlich gute Services bieten, sind nachhaltig
    • sei es durch besseren Service zu niedrigeren Kosten oder
    • durch ein Geschäftsmodell auf Basis höherer Transparenz und Verlässlichkeit
  • Finanzdienstleistungen sind eine sticky Branche, in der Kunden nicht leicht abwandern
    • Wenn Kunden überlegen, einen bestehenden Service aufzugeben und zu einem neuen zu wechseln, sollte man sich unbedingt fragen
      • „Ist dieses Produkt wirklich deutlich besser als der bisherige Service?“
      • „Würde ich es selbst nutzen?“
      • „Würden auch mein Ehepartner oder meine Eltern es gern nutzen?“
    • Wenn man diese Fragen nicht mit Überzeugung mit „Ja“ beantworten kann, wird es schwer, Kunden zu überzeugen
  • Fazit: Am wichtigsten ist die Bewertung des Geschäfts aus Kundensicht, und die Stimme des Kunden muss oberste Priorität haben

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