Im Inneren von MrBeast
(kevinmunger.substack.com)- Kevin Munger interpretiert MrBeast als einen Fall, in dem die Welt entsprechend den YouTube-Plattformmetriken in Inhalte hineingezogen wird, statt über die Bedeutung karitativer Stunts
- Ein im Herbst 2024 offenbar online geleakter Onboarding-Guide von MrBeasts Produktionsfirma stellt Plattformtauglichkeit über eine Produktionsweise nach Film- oder TV-Logik
- Die Produktionslogik bewegt sich um Zuschauerkennzahlen wie CTR, AVD und AVP, und selbst kleine Elemente wie die Beleuchtung am Anfang werden über lange Zeit analysiert
- MrBeast gewichtet den langfristigen Ausbau seiner Zuschauerschaft stärker als kurzfristige Gewinne wie Werbeerlöse, und seine „Vision“ ist eher auf wachsende Aufrufzahlen als auf eine bestimmte Botschaft ausgerichtet
- Aus dieser Sicht ist Authentizität nicht von Plattformmetriken zu trennen, und der ideale YouTuber ist weniger ein Creator als vielmehr eine von Zuschauerreaktionen und Plattform hervorgebrachte „Creation“
MrBeast eher als Plattformapparat denn als „Bedeutung“
- MrBeast wird als Betreiber des meistabonnierten YouTube-Kanals mit 343 Millionen Abonnenten vorgestellt
- Er ist für übersteigerte Wohltätigkeitsaktionen und stuntartige Spenden bekannt; in einem aktuellen Video geht es darum, 2.000 Menschen mit Amputation neue Prothesen zu geben
- Wenn man nur danach fragt, ob seine Wohltätigkeit altruistisch ist, ob sie tatsächlich Gutes bewirkt und was Zuschauer dabei erleben, verfehlt man den Kern des Phänomens MrBeast
- Laut dem Fazit von The YouTube Apparatus dreht sich Kommunikation innerhalb des YouTube-Apparats mehr um Metriken als um Bedeutung, und die Feedbackschleife zwischen Creator und Publikum reagiert auf sich selbst
- Creator steuern nicht auf ein bestimmtes Ziel wie eine politische Ideologie zu, sondern versuchen, immer mehr von der Welt in ihren Content-Strudel hineinzuziehen
Geleakter Onboarding-Guide und das „beste YouTube-Video“
- Im Herbst 2024 ist offenbar der Onboarding-Guide von MrBeasts Produktionsfirma online geleakt worden
- Das Dokument lässt sich als Material lesen, das MrBeasts Content-Strategie ausdrücklich sichtbar macht
- Ziel des Guides ist es nicht, das „am besten produzierte Video“, das „lustigste Video“, das „am schönsten anzusehende Video“ oder das „hochwertigste Video“ zu machen, sondern das beste YouTube-Video
- Content hat nur innerhalb des Plattformkontexts Bedeutung, was an die Deutung „das Medium ist die Botschaft“ anschließt
- Schönheit meint hier nicht traditionelle Ästhetik, sondern eher einen Zustand, in dem Content, Plattformstruktur und Zuschauerpräferenzen ineinandergreifen
- Weil MrBeast sich selbst sehr positiv als jemand darstellt, der seiner Arbeit und seinem Publikum vollkommen verpflichtet ist, lässt sich schwer mit Sicherheit sagen, dass dieser „Leak“ nicht beabsichtigt war
Schnelle Anpassung ist wichtiger als lange Produktionszyklen
- Laut dem Guide würden 99 % aller Filme oder TV-Shows auf YouTube scheitern
- Als Gründe werden geringe Rentabilität, geringe Flexibilität und lange Produktionszeiten genannt, die eine Anpassung an Trends erschweren
- Produktion à la MrBeast ähnelt nicht dem Modell, ein oder zwei kleine Filme pro Jahr zu machen, sondern eher dem Modell, ein Video pro Woche zu produzieren
- Die Produktionsorganisation soll Content agil nach „unserer Art“ herstellen, statt an zuvor gelernte Vorgehensweisen gebunden zu sein
- Plattformstruktur und Zuschauerpräferenzen können sich über Nacht ändern, weshalb lange Verzögerungen fatal sind
Ein über Zahlen gesteuertes Produktionssystem
- MrBeast sagt, er habe etwa fünf Jahre lang YouTube-Viralität erforscht
- An manchen Tagen habe er gemeinsam mit anderen 20 Stunden lang winzige Elemente von Videos analysiert; als Beispiel wird die Korrelation zwischen der Beleuchtung zu Beginn eines Videos und dem Absprungverhalten der Zuschauer genannt
- Diese Forschungszeit summiere sich angeblich auf etwa 20.000 bis 30.000 Stunden
- Drei Metriken müssten Produzenten besonders im Blick behalten:
- CTR: Klickrate
- AVD: durchschnittliche Wiedergabedauer
- AVP: durchschnittlicher Wiedergabeanteil
- MrBeasts Erfolg entspringt einer hartnäckigen Besessenheit von den fortgeschrittenen Zuschauerkennzahlen YouTubes
- Eine qualitative oder theoretische kreative Vision kann dabei sogar stören, wenn es darum geht, der von Plattformmetriken geformten Schönheit nachzujagen
Kleine Unterschiede bei der Watch Time erzeugen große Unterschiede bei den Aufrufen
- Im Guide erscheint ein Fall, in dem ein Video bei gleicher Länge im Schnitt 1 Minute und 38 Sekunden länger angesehen wurde als andere Videos und dadurch die dreifache Zahl an Aufrufen erzielte
- Für MrBeast ist aus Sicht von YouTube klar, dass die Menschen dieses Video deutlich mehr mochten
- Das Beispiel wird als Fall gelesen, in dem die Funktionsweise des YouTube-Algorithmus präzise verstanden wurde
- Der tatsächliche Unterschied bei der Wiedergabezeit liegt nur ungefähr bei 6 Minuten gegenüber 7,5 Minuten, ist für den Algorithmus aber ein starkes Signal
- Wegen der exponentiellen Verteilung von Content-Popularität führen auch relativ klein wirkende Unterschiede bei der Watch Time zu großen Lücken bei den Aufrufzahlen
Die Wahl zwischen Werbung und langfristiger Zuschauerschaft
- MrBeast funktioniert als eigenes Business
- YouTube-Aufrufe sind eine riesige Einnahmequelle, und Markenclips inmitten seiner Videos, also Werbung, sind eine weitere
- Die zentrale Aufgabe besteht darin, das Gleichgewicht zwischen der grundlegenden Ressource Zuschauerschaft und kurzfristigen Einnahmen zu verstehen
- Würde MrBeast von einer Private-Equity-Firma übernommen, die Quartalsumsätze optimiert, könnten Markenclips massiv zunehmen
- MrBeast versteht jedoch ein Prinzip, das Erlöse langfristig entlang der YouTube-Logik maximiert, und kann diese langfristige Perspektive einnehmen, weil Anteilseigner seine Vision nicht verwässern
- Vision meint hier weniger eine eigenständige Botschaft als vielmehr, die Zahl der Zuschauer immer weiter zu erhöhen
MrBeasts Authentizität und Plattform-Feedback
- Laut dem Guide besteht das Ziel des Contents darin, MrBeast selbst zu begeistern
- Wenn er nicht so begeistert ist, dass er sich vor die Kamera stellen und das Video drehen will, wird das Video nicht gemacht
- MrBeast sagt von sich, er sei nicht fake, handle authentisch, und das sei einer der Gründe, warum der Kanal gut laufe
- Wenn jedoch jedes Detail auf Metriken optimiert ist und organisatorische Entscheidungen auf Trends und Zuschauerpräferenzen reagieren, verändert sich auch die Bedeutung von Authentizität
- Eine junge Generation, die bei jedem kreativen Akt quantifiziertes Zuschauerfeedback erhalten hat, entwickelt ein anderes Verständnis von Authentizität als frühere Generationen
Ein YouTuber ist eher Creation als Creator
- Der ideale Creator hält keinen Abstand zwischen sich selbst und seiner Persona
- Zuschauerkennzahlen sind bereits in die subjektive Erfahrung des Creators eingedrungen, und der Creator antizipiert die Reaktion des Publikums im Voraus
- Aus dieser Sicht ist ein YouTuber nicht „Creator“, sondern eher Creation
- Der durch die Plattform rationalisierte Zuschauer und der Vlogger, der die von diesem Zuschauer konsumierten Videos hochlädt, sind theoretisch wie empirisch nicht voneinander zu trennen
- MrBeast macht zwar nicht wie ein bekenntnishafter Influencer sein ganzes chaotisches Leben zu Content, aber indem er die Phase überspringt, in der es ein Leben außerhalb des Contents gäbe, macht er letztlich sein ganzes Leben zu Content
Informationsdiät und berechenbare Creator
- Der Onboarding-Guide bezeichnet das, was Menschen in Social Media, auf YouTube, im TV, in Games und anderswo konsumieren, als Informationsdiät
- Chris Tyson erscheint als Beispiel für jemanden, der eine Informationsdiät perfekt genutzt hat
- Er habe große Mengen an Cartoons sowie albernem und verblödendem Content konsumiert und sei dadurch zu einem sehr lustigen Menschen geworden
- Der Guide sagt, Chris wäre heute nicht annähernd so lustig, wenn er Aktien oder Anlageberatung konsumiert hätte; er läge nicht einmal bei 20 %
- MrBeasts Berechenbarkeit wird nicht als Glück, sondern als Ergebnis einer jahrelangen Informationsdiät aus Zuschauerfeedback-Metriken interpretiert
- Am Ende steht MrBeast als das wohl repräsentativste Werk, das der YouTube Apparatus hervorgebracht hat
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