Ursula K. Le Guins Übersetzung des Tao Te Ching (1997)
(github.com/nrrb)Tao Te Ching
Tao (Der Weg)
- Der Weg, den man gehen kann, ist nicht der wahre Weg
- Der Name, den man aussprechen kann, ist nicht der wahre Name
- Himmel und Erde beginnen aus dem Namenlosen
- Der Name ist die Mutter aller Dinge
- Eine Seele ohne Begehren sieht das Verborgene, eine Seele voller Begehren sieht nur, was sie will
- Die beiden kommen aus einem Ursprung, tragen aber verschiedene Namen
- Ihr wahres Wesen ist Geheimnis
Anmerkung: Ich glaube, dass eine zufriedenstellende Übersetzung dieses Kapitels unmöglich ist. Dieses Kapitel enthält das ganze Buch.
Nahrung für die Seele
- Wenn man Schönheit kennt, entsteht Hässlichkeit
- Wenn man Güte kennt, entsteht Bosheit
- Sein und Nichtsein entstehen gemeinsam
- Schwierigkeit und Leichtigkeit vollenden einander
- Hoch und niedrig hängen voneinander ab
- Das Zusammenspiel von Yin und Yang bewahrt das Gleichgewicht der Welt
- Die weise Seele lehrt durch Nicht-Handeln
Anmerkung: Werte und Überzeugungen sind kulturell konstruiert und Teil des Zusammenspiels von Yin und Yang. Zu glauben, unsere Überzeugungen seien ewige Wahrheit, ist eine traurige Form von Hochmut.
Schweigen
- Wenn man das Lobenswerte nicht lobt, konkurrieren die Menschen nicht miteinander
- Wenn man seltene Schätze nicht hochschätzt, stehlen die Menschen nicht
- Wenn man das Begehrenswerte nicht zeigt, wird das Herz still
- Die weise Seele leert die Herzen der Menschen und füllt ihre Bäuche, schwächt ihre Begierden und stärkt ihre Knochen
Anmerkung: Laozi spricht wiederholt vom Nicht-Handeln. Durch Nicht-Handeln handeln. Das entzieht sich logischer Auslegung, verändert aber das Denken grundlegend.
Ursprung
- Das Tao ist leer, aber niemals erschöpft
- Es ist tief und der Ahne aller Dinge
- Es stumpft die Schärfe ab, löst Verstrickungen und dämpft das Licht
- Es ist still und von langer Dauer
Anmerkung: Laozi spricht immer in Mehrdeutigkeiten. Es gibt auch Übersetzer, die positive ethische oder politische Werte betonen. Doch Laozi sagt, dass gerade solche Dinge vom Tao entfernen.
Nützlicher leerer Raum
- Himmel und Erde sind nicht gütig
- Auch die weise Seele ist nicht gütig
- Himmel und Erde sind wie ein Blasebalg: leer, aber geordnet
Anmerkung: Die "Unmenschlichkeit" der weisen Seele bedeutet nicht Grausamkeit. Himmel und Erde sind nicht gütig, weil sie nicht menschlich sind.
Vollkommenheit
- Der Geist des Tals stirbt nicht
- Das Geheimnis, das Tor der Frau, ist die Wurzel von Himmel und Erde
- Es dauert ewig an
Verschwommenes Licht
- Der Himmel dauert fort, die Erde hält aus
- Die weise Seele verwirft das Ich und bewahrt die Mitte
Natürliche Leichtigkeit
- Wahre Güte ist wie Wasser
- Wasser ist gut für alle Dinge
- Es wetteifert nicht
Anmerkung: Wasser findet seinen Weg, indem es jedes Hindernis umfließt.
Stille
- Wenn man ein Gefäß bis zum Rand füllt, läuft es über
- Wenn man ein Schwert immer weiter schleift, wird es stumpf
- Ein Haus voller Gold und Jade kann man nicht beschützen
- Gutes zu tun und niedrig zu bleiben, ist der Weg des Segens
Technik
- Lerne, die Seele im Körper zu halten und am Einen festzuhalten, um Ganzheit zu bewahren
- Lerne, die Energie im Zentrum zu halten und sanft und biegsam zu werden
- Halte tiefes Wasser klar und durchsichtig
Anmerkung: Die meisten Gelehrten meinen, dass dieses Kapitel von Meditation handelt.
Der Nutzen des Nichtseins
- Die Speichen eines Rads treffen sich in der Nabe
- Das ausgehöhlte Tongefäß ist leer
- Türen und Fenster werden ausgeschnitten, um einen Raum zu schaffen
Anmerkung: Laozi verliert seinen Humor nicht, selbst wenn er tiefe Wahrheiten erklärt.
Ohne Begehren
- Die fünf Farben blenden die Augen
- Die fünf Töne betäuben die Ohren
- Die fünf Geschmäcker stumpfen den Gaumen ab
Scham
- Gnade oder Schande zu empfangen heißt, in Furcht zu leben
- Den Körper zu wichtig zu nehmen heißt, das Leiden anzuerkennen
Anmerkung: Laozi mystifiziert politische Macht nicht.
Das Geheimnis feiern
- Das Unsichtbare sehen
- Das Unhörbare hören
- Das Unfassbare greifen
Menschen mit Macht
- Diejenigen, die früher das Tao kannten, waren geheimnisvoll
- Sie waren vorsichtig und wachsam
Anmerkung: Die Menschen früher, die dem Tao folgten, waren geheimnisvoll und schwer zugänglich.
Zur Wurzel zurückkehren
- Völlig leeren und vollkommen still werden
- Alle Dinge entstehen gemeinsam, und ihr Entstehen ist Rückkehr
- Zur Wurzel zurückzukehren ist Frieden
Anmerkung: Für Menschen, die Moral nicht von Gott abhängig machen, können Laozis moralische und spirituelle Ratschläge schwer verständlich sein.
Einfach handeln
- Der wahre Führer ist kaum bekannt
- Danach kommt der Führer, den die Menschen kennen und ehren
- Danach der Führer, den die Menschen fürchten
- Danach der Führer, den die Menschen verachten
Anmerkung: Der unsichtbare Führer manipuliert die Menschen nicht, sondern tut Dinge durch Nicht-Handeln.
Die zweitbeste Lösung
- Wenn das große Tao verfällt, entstehen Menschlichkeit und Gerechtigkeit
- Wenn Gelehrsamkeit und Vorsicht zunehmen, entsteht gewaltige Heuchelei
Das Leblose und das Lebendige
- Hört auf mit Heiligkeit und vergesst Umsicht, dann wird es für alle hundertfach besser
- Hört auf mit Altruismus und vergesst Gerechtigkeit, dann erinnern sich die Menschen an die Gefühle der Familie
- Hört auf mit Planen und vergesst den Gewinn, dann gibt es keine Diebe und Räuber mehr
Anmerkung: Dieses Kapitel und die beiden vorherigen können als ein einziger Gedankenfluss gelesen werden.
Unterschied
- Wie groß ist der Unterschied zwischen Ja und Nein?
- Was ist der Unterschied zwischen gut und schlecht?
Anmerkung: Den Unterschied zwischen Ja und Nein, gut und schlecht verstehen nur die "hellen" Menschen.
Leeres Herz
- Dem Tao zu folgen heißt, ihm allein zu folgen
- Die Weise des Tao ist schwer zu verstehen
Anmerkung: Mystik entsteht aus der Wirklichkeit dieses Hier.
Nach unten wachsen
- Man muss zerbrochen werden, um ganz zu werden
- Man muss verdreht werden, um gerade zu werden
- Man muss leer sein, um erfüllt zu werden
Nichts und Nichts
- Die Natur hält keine langen Reden
- Ein Wirbelsturm dauert nicht den ganzen Morgen
Verhältnis
- Man kann nicht auf den Zehenspitzen stehen und so bleiben
- Man kann nicht umherrennen und dabei gehen
Das Geheimnis vorstellen
- Es gibt etwas, das alles umfasst
- Es existierte vor Himmel und Erde
Anmerkung: Dieses "Etwas" kann man als Chaos verstehen.
Die Kraft des Schweren
- Das Schwere ist die Wurzel des Leichten
- Die Stille ist Herrin der Bewegung
Anmerkung: Das Schwere sind die wichtigen Dinge des Alltags.
Technik
- Ein guter Geher hinterlässt keine Spuren
- Ein guter Sprecher stockt nicht
Anmerkung: Verborgenes Licht und tiefes Geheimnis bedeuten Fürsorge für das Unwichtige.
Zurückkehren
- Wenn man das Männliche kennt und das Weibliche bewahrt, wird man zum Flussbett der Welt
- Wenn man das Licht kennt und die Dunkelheit bewahrt, wird man zum Muster der Welt
Anmerkung: Die Schlichtheit von Laozis Sprache trägt eine große Dichte an Bedeutung.
Nicht-Handeln
- Menschen, die die Welt gewinnen wollen, scheitern
- Die Welt ist ein heiliges Ding
Anmerkung: Die Welt durch übermäßige Gier und Künstlichkeit zu beschädigen, gefährdet unsere Heiligkeit.
Nicht Krieg führen
- Wer dem Tao folgt, setzt keine Gewalt ein
- Nach dem Krieg kommt schlechte Ernte
Anmerkung: Dies ist die erste direkte Erwähnung von Laozis Pazifismus.
Gegen den Krieg
- Die besten Waffen sind unheilvolle Werkzeuge
- Wer dem Tao folgt, hält sich von Waffen fern
Heilige Kraft
- Das Tao ist ewig namenlos
- Unbehauenes Holz ist nicht wichtig
Anmerkung: Der Gedanke des Namenlosen und des Unbehauenen taucht erneut auf.
Arten von Kraft
- Andere zu kennen ist Intelligenz
- Sich selbst zu kennen ist Weisheit
Vollkommenes Vertrauen
- Das große Tao fließt nach links und rechts
- Alle Dinge sind von ihm abhängig
Menschliche Kraft
- Wenn man den großen Gedanken festhält, ist die Welt in Frieden
Das Licht kleiner Dunkelheit
- Um kleiner zu werden, muss man zuerst größer werden
- Um schwächer zu werden, muss man zuerst stärker werden
Anmerkung: Die dritte Strophe steht in allen Texten.
Über allem
- Das Tao tut nichts, und doch wird alles vollbracht
- Wenn Menschen an der Macht das Tao bewahren, kümmern sich alle Dinge von selbst
Anmerkung: Das Thema des Nicht-Handelns und Nicht-Begehrens taucht wieder auf.
Über Kraft sprechen
- Große Kraft klammert sich nicht an Kraft
- Kleine Kraft klammert sich an Kraft
Anmerkung: Dieses Gedicht erklärt mit minimalen Worten die Werte des Taoismus.
Ganzheit
- Früher erlangten Menschen Ganzheit:
- Der Himmel war durch Ganzheit rein
- Die Erde war durch Ganzheit fest
1 Kommentare
Hacker-News-Kommentare
Als jemand, der klassisches Chinesisch studiert hat, hat Ursula Le Guins Übersetzung viel vom Gefühl und der Bedeutung des Originals verloren
Der Originaltext vermittelt ein geheimnisvolles Gefühl, aber die meisten Übersetzungen bewahren einen ähnlichen Eindruck
Übersetzer übertragen den Text meist als Poesie, aber für den Großteil des Textes ist eine Übersetzung als Prosa besser geeignet
Im klassischen Chinesisch wurden moderne Satzzeichen kaum verwendet
In Zukunft wird es wohl verschiedene Deutungen dieses Textes geben, aber derzeit ist die Auswahl begrenzt
Ursula Le Guins Übersetzung als „Übersetzung“ zu bezeichnen, ist irreführend
Harold Bloom urteilte, dass Le Guins Version die Knappheit und Ästhetik des Tao gut einfängt
Die visuelle Symmetrie der ersten beiden Sätze des Tao Te Ching ist einprägsam
Ursula Le Guins Earthsea Cycle ist sehr zu empfehlen
Die von Ursula Le Guin selbst eingelesene Hörbuchversion ist ausgezeichnet
Ich mag die Übersetzung von Stephen Mitchell