Current — ein RSS-Reader, der ohne Schuldgefühle über ungelesene Artikel einfach weiterfließt
(terrygodier.com)- Ein neuer RSS-Reader, der die von RSS-Readern üblicherweise vorausgesetzte Pflicht zur „Verwaltung ungelesener Einträge“ grundsätzlich ablehnt und die Metapher eines „Flusses“ umsetzt, in dem Inhalte natürlich ankommen, verweilen und wieder verschwinden, über die gesamte Oberfläche hinweg
- Für jede Feed-Quelle lässt sich eine Halbwertszeit festlegen, sodass Eilmeldungen etwa 3 Stunden, Essays dagegen 7 Tage sichtbar bleiben und sich die Lebensdauer je nach Inhaltstyp unterscheidet; damit wird strukturell gelöst, dass besonders produktive Quellen den Feed dominieren
- Statt Artikel als „gelesen zu markieren“ setzt die App auf die Geste des „Loslassens“, bei der Karten per physikbasierter Interaktion weggeschickt werden; Haptik, Animationen und Rückgängig wurden dabei sorgfältig ausgearbeitet
- Persönliche Blogs werden nicht als Feed-URL, sondern als „Voices“ getrennt behandelt, sodass Menschen und Medien unterschiedlich behandelt werden; alle KI-basierten Themenanalysen und Empfehlungen laufen ausschließlich on-device
- Für iPhone, iPad und Mac gibt es jeweils plattformspezifische UIs, einschließlich Desktop-spezifischer Erlebnisse wie der Command-K-Palette und dem schnellen Sichtungsmodus Sift
River — die zentrale Oberfläche
- Der Hauptbildschirm ist ein zusammengeführter River, in dem alle Feeds in einer Ansicht zusammenlaufen; einen Zähler für ungelesene Artikel gibt es nicht
- Der Grund für den Verzicht auf Zähler ist kein minimalistisches Design, sondern die philosophische Überzeugung, dass „schon das Zählen selbst das Problem ist“
- Artikel verblassen nach ihrer Ankunft mit der Zeit und verschwinden schließlich wieder, ohne Gelesen-Markierung oder Kategorisierung — wie Wasser, das unter einer Brücke hindurchfließt
- Jeder Artikel hat einen velocity-Wert, der bestimmt, wie schnell er veraltet
- Eilmeldungen: verschwinden nach 3 Stunden
- Normale Artikel: 18 Stunden
- Essays: 3 Tage
- Zeitlose Tutorials: bis zu 1 Woche
- Veraltete Einträge werden allmählich dunkler und verschwinden dann vollständig; der Nutzer muss nichts extra tun
- Dahinter steht das Prinzip: „Informationen haben eine natürliche Lebensdauer, und die Oberfläche sollte sie respektieren.“
Half-Life — Halbwertszeit pro Quelle
- Allen Quellen kann eine Halbwertszeit (half-life) zugewiesen werden, die steuert, wie lange Artikel im River bleiben
- Eilmeldungs-Feeds wie BBC World: 3 Stunden
- Ars Technica: 18 Stunden
- Langsamere Quellen wie Aeon oder The Marginalian: 1 Woche
- Damit wird ein Problem gelöst, das alle chronologischen Feeds seit Google Reader kennen: besonders produktive Quellen begraben alle anderen
- Selbst wenn The Verge 20 Beiträge am Tag veröffentlicht, verschwinden sie nach wenigen Stunden, während ein monatlicher Essay von Craig Mod mehrere Tage sichtbar bleibt
- Beim Onboarding werden fünf Geschwindigkeitsstufen vorgeschlagen — Breaking, News, Article, Essay, Evergreen — und pro Quelle muss nur eine davon gewählt werden; den Rest übernimmt River
Release — statt „als gelesen markieren“ lieber „loslassen“
- Das in den meisten RSS-Readern genutzte „mark as read“ trägt sprachlich die Konnotation, als würde ein Verwalter Akten abarbeiten
- Current ersetzt das durch Release (Loslassen)
- Wenn man im River eine Karte lange nach links wischt, fliegt sie davon, und die übrigen Karten ordnen sich neu an, als würde Wasser den freigewordenen Raum füllen
- Sobald man das Ende eines Artikels erreicht, erscheint unten ein Release-Button; ein Tippen bringt zurück in den River, und der betreffende Artikel ist bereits verschwunden
- Details der physikbasierten Interaktion:
- Beim Ziehen wird die Karte leicht komprimiert und erzeugt so Spannung
- Je näher man an den Schwellenwert kommt, desto schneller vibriert die Haptic Engine
- Am Rand erscheint ein warmes Leuchten; wird der Schwellenwert überschritten, fliegt die Karte davon
- Es gibt ein Rückgängig-Fenster: Losgelassene Artikel bleiben einige Sekunden im Speicher und können ohne Bestätigungsdialog wiederhergestellt werden
Feintuning pro Quelle
- Zusätzlich zu velocity gibt es pro Quelle weitere Optionen
- full article fetch: Für Feeds, die nur Teaser-Absätze liefern, wird der vollständige Artikel direkt aus dem Web extrahiert
- Webcomic-Modus: Schaltet in einen bildzentrierten Reader mit Unterstützung für Zoom, Pan und alt-text um, optimiert etwa für XKCD
- Stummschalten: Versteckt eine bestimmte Quelle für 1 Woche
- Anheften: Fixiert eine bestimmte Quelle oben im River
- Diese Optionen sind nicht tief in den Einstellungen versteckt, sondern pro Quelle mit einem einzigen Wisch erreichbar
The River Speaks — dynamische Hinweiskarten
- Current beobachtet Nutzungsgewohnheiten und fügt zwischen Artikeln nicht intrusive Hinweiskarten ein
- Wenn eine bestimmte Quelle 18 Beiträge an einem Tag veröffentlicht, erscheint eine Karte „The Verge posted 18 items today“ samt Optionen für Geschwindigkeitsbegrenzung oder 24-Stunden-Stummschaltung
- Wenn man 10 Beiträge derselben Quelle in Folge überspringt, kommt der Vorschlag: „You've skipped 10 from TechCrunch. Quiet or remove?“
- Wenn eine bestimmte Quelle immer wieder gelesen wird, schlägt die App Anheften vor; wenn über mehrere Quellen hinweg wiederholt dasselbe Thema gelesen wird, schlägt sie die Erstellung eines neuen Current vor
- Diese Karten sind keine algorithmischen Empfehlungen und sollen weder Engagement maximieren noch Aufmerksamkeit abziehen
- Sie werden mit „einem Bibliothekar verglichen, der Gewohnheiten bemerkt und leise die Regale neu ordnet“
- Alle intelligenten Verarbeitungen laufen ausschließlich on-device: Themen werden per Natural Language Processing erkannt, verwandte Artikel mit Foundation Models (falls verfügbar) geprüft, und es werden keinerlei Daten an Server gesendet
Voices — die Trennung von Menschen und Medien
- Die meisten RSS-Reader zeigen Quellen in der Seitenleiste lediglich als Liste von Feed-URLs
- Current trennt Feeds, die von einer einzelnen Person geschrieben werden, etwa persönliche Blogs, als eigene Voice ab
- „Man abonniert nicht eine Person, sondern folgt einer Stimme.“
- Als Voice markierte Feeds werden im Voices-Tab zu einer chronologischen Timeline zusammengefasst
- Aktive Voices werden in voller Farbe dargestellt, ruhigere Voices in Graustufen, ohne Aufmerksamkeit einzufordern
- Tippt man auf eine Voice, werden nur die Artikel dieser Person gefiltert angezeigt
- iPad: Name und Favicon in der Seitenleiste
- iPhone/Mac: scrollbare Gesichterleiste oberhalb der Timeline
- Current erkennt persönliche Blogs automatisch anhand von Subdomain-Mustern, Veröffentlichungsfrequenz und Byline-Signalen und schlägt die Zuordnung als Voice behutsam vor, überlässt die endgültige Entscheidung aber dem Nutzer
Currents — benutzerdefinierte Sammlungen
- River ist die Standardansicht, in der alles zusammenläuft; wer den Fokus eingrenzen will, nutzt Currents
- Sie befinden sich in einer horizontalen Leiste am oberen Bildschirmrand und lassen sich mit einem Wisch wechseln
- Drei sind standardmäßig enthalten:
- River: der gesamte Feed
- Voices: die verfolgten Personen
- Read Later: gespeicherte Artikel (mit Offline-Cache und in warmem Bernstein markiert, um sie als „mein eigenes“ kenntlich zu machen)
- „Ordner“ implizieren eine Pflicht zur Organisation, „Kategorien“ erinnern an Tabellenkalkulationen; deshalb heißt es Currents, im Sinn kleiner Strömungen innerhalb eines großen Flusses
- Dynamische Hinweiskarten können anhand von Lesemustern auch die Erstellung eines neuen Current empfehlen
Calm by Design — das Designsystem
- Das Designsystem beginnt mit dem Prinzip: „Jede Oberfläche ist eine Aussage darüber, wie sich Nutzer fühlen sollen.“
- Der interne Tagline des Designsystems lautet: „Calm but not boring. Beautiful but not loud. Typography as hero. Color as punctuation.“
- Für den Fließtext wird die iOS-System-Serifenschrift in 16–18 pt verwendet und passend zu Dynamic Type skaliert
- In einer Welt voller Sans-Serif-Apps ist das eine bewusste Entscheidung: Serifenschriften sind seit 500 Jahren der Standard für längeres Lesen
- In der Reader-Ansicht wird auf 18 pt Serif vergrößert; für Leerseiten oder kontemplative Momente gibt es zusätzlich eine eigene „poetic“-Typografie-Stufe
- Es gibt neun Farbpaletten, jeweils mit hellen und dunklen Varianten:
- Bright: basiert auf iOS-Blau
- Paper: warmes Elfenbein und Bernstein, wie Lesen bei Kerzenlicht
- Ocean: kühles Teal und Seafoam
- Dusk: weiches Violett und Lavendel
- Ember: warmes Rost und Rosé
- Midnight: echtes OLED-Schwarz
- Slate: Palette eines Code-Editors
- Terminal: Phosphorgrün auf Schwarz für Menschen, die sich an CRTs erinnern
- Solarized: die präzise Palette von Ethan Schoonover
- Farben dienen nicht der Dekoration, sondern haben semantische Funktion: Warmes Bernstein bedeutet immer „mein eigenes“ (gespeicherte Artikel, persönliche Sammlungen), frisches Teal steht für „neu“, Salbeigrün für Erfolg, Rot für Fehler
Motion & Touch — Animation und Haptik
- Animation ist keine Dekoration, sondern ein Vokabular
- Es gibt fünf Stufen für Timing:
- Instant (0,15 Sekunden): Mikro-Feedback
- Quick (0,22 Sekunden): Hauptinteraktionen
- Standard (0,28 Sekunden): Kartenbewegungen
- Gentle (0,35 Sekunden): Panels
- Smooth (0,45 Sekunden): ambient motion
- Konsistentes Timing erzeugt unbewusstes Vertrauen
- Im Hintergrund laufen CurrentLines: fünf Sinuswellen mit jeweils eigener Amplitude und Phase, die langsam fließen und der App Leben verleihen, eher spürbar als sichtbar
- Details zur haptischen Kommunikation:
- Release-Geste: ein Tap bei 50 % Spannung, beim Nähern an den Schwellenwert rhythmische Pulse, die sich wie ein Herzschlag beschleunigen, beim Auslösen eine zweistufige Bestätigung aus starkem und anschließend sanftem Tap
- Beim Stabilisieren des River-Scrollens ein feines „Ausatmen“, beim Öffnen eines Voice-Artikels ein sanfter Puls
- Wenn Reduce Motion aktiviert ist, wird jede Bewegung vollständig gestoppt: keine ambienten Linien, sofortige Übergänge, keine Ausnahmen
- Barrierefreiheit ist kein Feature-Schalter, sondern eine Designbeschränkung, die das gesamte System verbessert
Four Swipes — Gesten anpassen
- Jede Karte im River bietet vier Gesten-Slots: kurz links, lang links, kurz rechts, lang rechts
- Standardmäßig gilt: kurz links = als gelesen markieren, lang links = Release, kurz rechts = speichern, lang rechts = teilen
- Alle Slots lassen sich frei neu zuordnen: als gelesen/ungelesen markieren, Release, speichern, Quelle stummschalten, Quelle bearbeiten, teilen oder keine Aktion
- Im Einstellungsbildschirm gibt es eine Live-Vorschau-Karte, auf der sich Wischgesten vor dem Anwenden testen lassen
- Kurze und lange Wischgesten haben unterschiedliche Schwellenwerte und klar unterscheidbares haptisches Feedback
The Small Things — kleine Details
- Wischen vom linken Rand: Suche, Wischen vom rechten Rand: Einstellungen
- Bei den ersten paar Malen erscheint beim Annähern an den Rand ein Hinweis, der nach drei Einblendungen automatisch verschwindet
- Der Lesefortschritt wird nicht in Prozent, sondern in natürlicher Sprache angezeigt: etwa „Just started“ oder „Halfway through“ direkt auf der River-Karte
- Full-text search: Alle gescrollten und alle gelesenen Artikel werden indexiert, sodass Ergebnisse sofort beim Tippen erscheinen; der Feed wird zu einem durchsuchbaren Gedächtnis
- Read Later ist keine Queue, sondern eine Bibliothek: Gespeicherte Artikel werden offline gecacht, verfallen nie und warten ohne Zähler wie Bücher in einem Regal
Beyond the Phone — iPad- und Mac-Erlebnis
- Die iPhone-App wird nicht einfach auf größere Bildschirme hochskaliert, sondern bietet für jede Plattform ein eigenständiges Erlebnis
- iPad:
- Einklappbare Seitenleiste: Quellen, Currents und Voices gleiten bei Bedarf hinein und verschwinden wieder, wenn sie nicht gebraucht werden
- Querformat: Seitenleiste und Reader liegen nebeneinander, sodass man beim Öffnen eines Artikels seine Position im River nicht verliert
- Hochformat: Seitenleiste ausgeblendet, River nimmt den gesamten Bildschirm ein
- Mac:
- Keyboard-first-Design
- Command-K: Über eine Befehlspalette lassen sich Currents wechseln, Quellen anspringen, suchen, Themes ändern und praktisch alle Aktionen ausführen, ohne Menüs durchsuchen zu müssen
- Sift-Modus: Ein Modus, der sich an realen Triage-Abläufen am Desktop orientiert; per Tastendruck wird jeder Artikel im Vollbild angezeigt, und Release, Speichern oder Überspringen erfolgen jeweils mit einer einzigen Taste
What I Left Out — was bewusst weggelassen wurde
- Vollständiger Verzicht auf ungelesene Zähler: nicht „noch nicht eingebaut“, sondern etwas, das „nie eingebaut wird“ — eine philosophische Entscheidung. Ungelesen-Zähler machen eine bessere App für einen RSS-Manager, aber eine schlechtere für einen RSS-Leser
- Kein Drei-Spalten-Layout: Die Struktur aus Feed-Seitenleiste + Eintragsliste + Lesefenster wurde bewusst ausgeschlossen. Die ernsthafte Frage dahinter: Warum kopieren seit 20 Jahren alle das Layout, das Brent Simmons 2002 erfunden hat?
- Keine algorithmische Kuratierung: In sozialen Medien wurde die phantom obligation durch die „Angst, etwas zu verpassen (FOMO)“ ersetzt. River fließt strikt in Reihenfolge des Eintreffens; nur die vom Nutzer gesetzte velocity hat Einfluss
- Story-Threading: Ein System, das verwandte Artikel aus mehreren Quellen zu narrativen Threads bündelt, ist bereits gebaut, wird aber deaktiviert ausgeliefert. Die Verifikation per on-device Foundation Models funktioniert, doch die Präsentation überzeugt noch nicht; statt halbfertig zu veröffentlichen, bleibt es zurückgestellt — bis es bereit ist oder vielleicht für immer
- Performance-Budget: Auf allen Geräten 60 fps, beim Scrollen unter 150 MB Speicherverbrauch
- CurrentLines laufen bewusst mit 30 fps statt 60 fps, um Reserven zu schaffen
- Einige Übergänge wurden gegenüber dem Prototyp vereinfacht, weil auf älterer Hardware Framedrops auftraten
- „Performance ist ein Feature, und jank ist ein Bug“
3 Kommentare
Das Konzept ist attraktiv, aber meiner Erfahrung nach waren solche idealistischen Versuche nur selten erfolgreich..
Bis jetzt scheint Feedly mit seinen AI-Funktionen immer noch am besten und insgesamt am unkompliziertesten zu sein.
Seit Reeder habe ich mir andere Reader kaum noch angesehen.
Wenn man einen RSS-Reader benutzt, ist das genau die Art von Text, die einen neugierig macht.
Das Konzept ist zwar gut, aber weil es noch sehr früh ist, ist das Fehlen einer anpassbaren Tastenkürzel-Belegung ein großer Makel.
Ich werde es erst einmal noch ein paar Tage weiter benutzen.
Das Phantom der Pflicht