7 Punkte von GN⁺ 2026-02-21 | 4 Kommentare | Auf WhatsApp teilen
  • Laut der Studie zeigten fast alle Erwachsenen über 40 im MRT „Auffälligkeiten“ der Schulterstruktur, und zwar in hoher Häufigkeit unabhängig davon, ob Schmerzen vorlagen
  • Bei 96 % der asymptomatischen Schultern und 98 % der schmerzhaften Schultern wurden Auffälligkeiten der Rotatorenmanschette (RC) gefunden, und die Häufigkeit von Tendinopathie und Teilrupturen unterschied sich zwischen den beiden Gruppen nicht
  • Vollständige Rupturen schienen in der Schmerzgruppe zwar häufiger zu sein, doch nach Bereinigung um andere Faktoren verschwand der Unterschied
  • Die Forschenden betonen, dass diese Ergebnisse eine Veränderung der Sprache und Interpretation bei der MRT-Befundung erforderlich machen
  • Expertinnen und Experten empfehlen, Therapieentscheidungen eher an funktionellen Einschränkungen und der klinischen Beurteilung als am MRT-Ergebnis auszurichten

Überblick über die Studienergebnisse

  • Die Studie analysierte insgesamt 1.204 Schultern; davon waren 1.076 (90 %) asymptomatisch und 128 (10 %) schmerzhaft
    • Bei 96 % (1.039) der asymptomatischen Schultern wurden Auffälligkeiten der Rotatorenmanschette festgestellt
    • Bei 98 % (126) der schmerzhaften Schultern wurden Auffälligkeiten festgestellt
  • Die Häufigkeit von Tendinopathie und Teilrupturen (partial-thickness tear) war in beiden Gruppen ähnlich
  • Zunächst schienen Vollschichtrupturen (full-thickness tear) in der Schmerzgruppe häufiger zu sein, doch nach Bereinigung um andere im MRT gefundene Auffälligkeiten verschwand der statistische Unterschied

MRT-Interpretation und Sprache müssen neu gedacht werden

  • Die Forschenden weisen darauf hin, dass häufig im MRT sichtbare „Auffälligkeiten (abnormality)“ in Wirklichkeit wahrscheinlich normale altersbedingte Veränderungen sind
  • Daher schlagen sie vor, statt Begriffen wie „Ruptur (tear)“, die einen Reparaturbedarf nahelegen, wertneutrale Ausdrücke wie „Läsion (lesion)“ oder „Degeneration (degeneration)“ zu verwenden
  • Diese sprachliche Veränderung kann dazu beitragen, die Angst von Patientinnen und Patienten sowie unnötige Behandlungswünsche zu verringern

Expertenkommentar

  • Die Orthopäden Edgar Garcia-Lopez und Brian Feeley von der University of California, San Francisco unterstützen den Vorschlag der Studie zu einer veränderten Sprache
  • Die beiden Fachärzte betonen, dass MRT-Ergebnisse im klinischen Kontext interpretiert werden müssen
  • Bei nicht traumaassoziierten Schulterschmerzen empfehlen sie, ein MRT erst dann in Betracht zu ziehen, wenn sich nach einigen Monaten Ruhe oder Physiotherapie keine Besserung zeigt
  • Auch danach sollten Therapieentscheidungen nicht primär anhand der Bildgebung, sondern anhand der Krankengeschichte, körperlichen Untersuchung und funktionellen Einschränkungen getroffen werden

Klinische Bedeutung

  • Die Studie zeigt, dass häufig im MRT sichtbare strukturelle Veränderungen der Schulter nicht zwangsläufig einen krankhaften Zustand bedeuten
  • Eine radiologische „Auffälligkeit“ bedeutet nicht automatisch, dass eine Behandlung nötig ist; die klinische Beurteilung sollte Vorrang haben
  • Sie deutet außerdem darauf hin, dass die Art der ärztlichen Erklärung und die Kommunikation mit Patientinnen und Patienten verbessert werden müssen

4 Kommentare

 
xguru 2026-02-21

Ich hatte mal Schulterschmerzen und bin deshalb in Yeongdeungpo in ein bekanntes Schulterkrankenhaus gegangen
(das war ein Krankenhaus voller Fotos von Baseballspielern).
Dort wurde bei mir diagnostiziert, dass die Rotatorenmanschette leicht eingerissen sei oder so ähnlich.
Aber ich hatte eigentlich nichts Besonderes gemacht, deshalb dachte ich mir: Reißt so etwas wirklich so leicht? Wenn ich diesen Artikel sehe, frage ich mich aber auch, ob das vielleicht eine chronische Zivilisationskrankheit der modernen Menschen ist.

 
windrod 2026-02-22

#1. Die Schulter ist einer der Bereiche, in denen Symptome und Bildbefunde oft nicht übereinstimmen; umgekehrt gibt es auch auffällige Befunde, die behandelt werden müssen, obwohl keine Symptome vorliegen. Und allein schon die Tatsache, dass jemand ins Krankenhaus kommt und sich untersuchen lässt, bedeutet, dass hier bereits nach Personen mit Beschwerden gefiltert wurde.

#2. In der Medizin gibt es das Sprichwort, dass man nicht Bildbefunde behandeln soll, sondern den Patienten. Schon seit der Zeit der Röntgenaufnahmen können Bildbefunde von den tatsächlichen Symptomen oder der Erkrankung abweichen. Das wird bei Diagnose und Behandlung von vornherein berücksichtigt. Aber daraus umgekehrt abzuleiten, dass in der Bilddiagnostik etwas als normal gekennzeichnet werden müsse, ist allzu ergebnisorientiert.

#3. Es hat auch mit defensiver Medizin zu tun. Etwas wird bei der Befundung übersehen und später problematisch. Heutzutage kommt es sogar zu Klagen. Trotzdem ist die Schulter oft nicht direkt lebensrelevant, daher gibt es solche Fälle nicht gerade selten.

 
bus710 2026-02-22

Es hieß doch, die Nutzungsdauer des menschlichen Körpers liege ursprünglich bei etwa 37 Jahren.
Also nehme ich es einfach hin, schluchz schluchz

 
GN⁺ 2026-02-21
Hacker-News-Kommentare
  • Wenn 99 % der Erwachsenen irgendeinen auffälligen Befund haben, dann ist das kein sinnvolles Konzept von „auffällig“ mehr

    • Andererseits ist genau das der Punkt des Artikels. Es bedeutet einen Verlust des Nutzens als diagnostischer Marker
      Wenn es aber 100 Stellen an der Schulter gibt, an denen etwas nicht stimmen kann, dann haben die meisten vielleicht nur an 1–2 Stellen ein Problem und der Rest ist normal. Entscheidend ist letztlich, welche Kombinationen medizinisch tatsächlich bedeutsam sind
    • Genau darauf weist der Artikel hin. Die Sprache „normal/abnormal“ verwischt eher die eigentliche Aussage. Gemeint ist in Wirklichkeit eine Abweichung von einer gesunden Ausgangsbasis. Im zitierten Teil des Artikels heißt es auch, dass diese Auffälligkeiten so häufig sind, dass sie praktisch normal sind, und dass Wörter wie „Riss“ (tear), die Reparaturbedürftigkeit andeuten, ersetzt werden sollten
    • Ich hatte einmal aus einem anderen Grund ein MRT, und dabei wurde zufällig eine Chiari-I-Fehlbildung (Chiari malformation) entdeckt. Ich habe überhaupt keine Symptome. Früher dachte man, so etwas führe zu Problemen, aber mit der weiten Verbreitung von MRTs stellte sich heraus, dass das auch bei asymptomatischen Erwachsenen häufig gefunden wird. Im Ergebnis ist das weniger eine „Fehlbildung“ als eher eine normale Variante
    • Man könnte auch scherzen: „99 % der Erwachsenen haben ein abnormales Gesicht.“ Menschen sehen schließlich alle unterschiedlich aus
    • Das Wort „abnormal“ ist zwar unpassend, aber es geht hier um eine gesunde Ausgangsbasis des Menschen. Altersbedingter Verschleiß wird dabei nicht berücksichtigt. Mit der Zeit verschleißen bei jedem die Organe. Ich selbst hatte nach einem Skateboard-Unfall eine rekonstruktive Schulter-OP, und weil Metall eingebaut wurde, sieht das bildgebend abnormal aus. Funktionell habe ich aber keine Probleme. Zwischen dem, was auf Bildern zu sehen ist, und einer tatsächlichen funktionellen Einschränkung besteht also eine Lücke
  • Ich fand es eindrücklich, als mein Arzt zu mir sagte: „Wir können eine Bildgebung machen, aber die Wahrscheinlichkeit liegt fast bei 100 %, dass wir an Schulter oder Rücken irgendetwas ‚Auffälliges‘ finden“

    • Mir wurde etwas Ähnliches gesagt. „In Ihrem Alter sieht man fast immer irgendetwas Ungewöhnliches“
  • Viele Kommentare scheinen den Artikel nicht gelesen zu haben. Ich wünschte, der Titel wäre klarer formuliert worden, etwa so: „Im MRT werden häufig ‚Auffälligkeiten‘ gefunden, die aber nichts mit realen Gesundheitsproblemen zu tun haben“

  • Es kam die Frage auf: „Wer hat denn keine Auffälligkeiten?“

    • Das erinnert mich an die Episode „Eye of the Beholder“ aus The Twilight Zone
    • Vermutlich vielleicht nur Fitness-Fanatiker (gym rats), die nicht stundenlang vor dem Computer sitzen
    • Einer scherzte: „Ich, ich. Ich bin ein standardisierter Mensch. Lass mich in Ruhe“
    • Jemand antwortete einfach nur: „Steph Curry“
    • Das ist bloß ein statistischer Fehler. Menschen haben alle eine gewisse Asymmetrie. Schulterprobleme beginnen oft bei Füßen oder Hüften
  • Meine Schulterschmerzen kommen größtenteils von der Schlafposition. Ich schlafe auf der Seite. Deshalb habe ich mir ein Body-Pillow-System gekauft; teuer, aber ziemlich wirksam. Es hat sowohl die Schulterbeschwerden als auch die gastroösophageale Refluxkrankheit (GERD) gelindert. Der Nachteil ist, dass es etwas warm ist

    • Ich habe auch GERD, und auf dem Rücken zu schlafen hilft etwas, aber nicht perfekt. Ich frage mich, ob es ein empfehlenswertes Produkt gibt
    • Auch zervikale Radikulopathie (cervical radiculopathy) kann eine Ursache für Schulterschmerzen sein. Ich hatte das selbst, und die Schlafposition ist vermutlich eine mögliche Ursache. Wenn keine OP geplant ist, würde ich wahrscheinlich kein MRT machen lassen
    • Kissen in Keilform mit Armöffnung hatten für mich einen zu steilen Winkel und haben Rücken- und Hüftschmerzen eher verschlimmert
    • Ich empfehle BedJet. Wir haben es wegen meiner Frau gekauft, und inzwischen kann ich ohne nicht mehr schlafen
    • Der Satz „teuer, aber es ist es wert“ schafft bei mir zwar kein Vertrauen, aber wenn dadurch die Schmerzen nachlassen, reicht das schon
  • Früher gab es bei Bandscheibenvorfällen einen ähnlichen Fall. Behandelt wurden nur Menschen mit Schmerzen, später stellte sich aber heraus, dass so etwas auch bei Menschen ohne Schmerzen häufig vorkommt

  • Eines der großen Probleme des US-Gesundheitswesens ist Überversorgung, besonders bei Operationen. Bei Schulter-„impingement“-Operationen gibt es Studien, in denen selbst bei einem Placebo-Schnitt (placebo incision) ähnliche Ergebnisse herauskamen

  • Ich bin Anfang 40. Ich habe praktisch seit meiner Kindheit vor dem PC gelebt. Internet, Spiele, Programmieren, Chatten — alles, um der Realität zu entkommen.
    Das Ergebnis ist, dass mein Körper durch jahrzehntelange Mausnutzung kaputtgegangen ist — rechte Schulter, Nacken, Kiefer, Atmung, Haltung, alles problematisch.
    Physiotherapie, Chiropraktik, Akupunktur, Trainer — ich habe alles ausprobiert, ohne Erfolg.
    Es gibt nur ein Fazit: Loggt euch aus, dehnt euch und bewegt euch. Sonst ist es zu spät

    • Ich hatte früher auch Schmerzen in Handgelenk und Arm wegen der Maus. Ich habe verschiedene alternative Zeigegeräte ausprobiert, und am Ende war eine kleine Grafiktablett-Lösung wie das Wacom Intuos S im Relative mode optimal.
      Der Stift ist leicht und natürlich, sodass man ihn sogar nur mit den Fingern steuern kann, und er ist schneller und präziser als eine Maus.
      Seitdem sind meine Hand- und Armschmerzen vollständig verschwunden
    • Eigentlich gibt es bereits eine keyboard-zentrierte Kultur. Dass die meisten Apps einen Vim-Modus haben, ist Teil genau dieser Entwicklung
    • Grundsätzlich sollte man meiner Meinung nach auch den Stress im familiären Umfeld aufarbeiten, der solche Verhaltensmuster überhaupt erst hervorgebracht hat
  • Ich habe mich gefragt, welche Auswirkungen diese Studie auf den Alltag haben soll.
    Wenn ich zum Beispiel den rechten Arm nach oben und den linken nach unten hinter den Rücken führe, berühren sich die Finger vollständig, andersherum reichen sie gerade so aneinander.
    Ich habe keine Schmerzen und keine Bewegungseinschränkung, aber ich frage mich, ob so eine Asymmetrie als „Auffälligkeit“ eingestuft würde

    • Einseitig eingeschränkte Beweglichkeit kann den Schulter-Arm-Rhythmus beeinflussen, die Kraftübertragung ineffizient machen und letztlich zu Verletzungen führen.
      Solche Probleme lassen sich durch Mobilitätsübungen verbessern. Ich bin kein Arzt, interessiere mich aber hobbymäßig für Bewegungsmechanik
    • Eher würde ich diese Flexibilität nicht als „abnormal“, sondern als gute Beweglichkeit ansehen. Bei mir fehlen zwischen den Fingerspitzen nicht einmal 30 cm
  • Beim Großziehen von drei Kindern habe ich mir die linke Schulter ruiniert

    • Ich habe drei Hunde, und bei mir sind nicht nur die Schultern, sondern auch Rücken und Beine ruiniert
    • Ich frage mich, ob das daher kommt, dass ich sie als Babys immer mit dem linken Arm getragen habe, oder ob es einen anderen Grund gibt