Ask HN: Lohnt sich ein Software-Startup heute noch?
(news.ycombinator.com)- Antworten auf die Frage, ob man sich Sorgen machen sollte, weil der Burggraben (moat) in Software schwächer geworden ist und Großunternehmen Produkte schnell kopieren können
- Der Burggraben hat sich verlagert: Nicht Features, sondern Umsetzung, Vertrieb, Vertrauen und das Verständnis von Workflows sind zur zentralen Wettbewerbsstärke geworden
- Als realistischere Bedrohung als Großunternehmen gilt auch das Muster „kopieren und überfluten“ durch Schwärme kleiner Teams wie App-Store-Klonfabriken (App Store mills)
- Erfolg oder Misserfolg eines Startups hängt weniger von „Kopien“ ab als davon, zahlende Nutzer zu gewinnen und den Betrieb nachhaltig aufrechtzuerhalten
Frage: Lohnt es sich noch, ein Software-Startup zu gründen?
> Wenn man bedenkt, dass es im Softwaremarkt kaum noch Barrieren für nachhaltige Wettbewerbsvorteile gibt und große Unternehmen dein Produkt im Handumdrehen kopieren können?
Zusammenfassung der wichtigsten Antworten
Gegenargument zu „Großunternehmen kopieren sofort“: träge Organisationen und politische Kosten
- Große Unternehmen sind von Bürokratie und interner Politik geprägt, sodass Übernahmen oft günstiger sind als selbst zu entwickeln
- Der Engpass in Großunternehmen ist nicht die Geschwindigkeit beim Schreiben von Code, sondern die Struktur von Menschen, Organisation und Entscheidungswegen
- Interne Konflikte, Konkurrenz um Prioritäten und Beförderungsspiele verlangsamen die Entwicklung massiv
- Selbst einfache Funktionen wie eine Taschenlampen-App dauern in Großunternehmen erstaunlich lange
- Produkte, die Problemlösung, Marke und Nutzerfeedback einschließen, lassen sich nicht kurzfristig kopieren
Die eigentlichen Kopierer sind andere: App-Store-Klonfabriken (App Store mills)
- Erfolgreiche Produkte mit schwachem Burggraben werden eher von kleinen, auf Kopien spezialisierten Teams ins Visier genommen als von Großunternehmen
- Das Modell, viele 3- bis 4-köpfige Teams zu betreiben und populäre Apps schnell zu kopieren, breitet sich aus
- Der Entwicklungszyklus ist mit rund 6 Wochen sehr kurz
- Statt auf die Profitabilität einzelner Apps zu setzen, wird die Strategie genutzt, eine ganze Kategorie mit Klon-Apps zu überziehen
- Rocket Internet wird als Beispiel erwähnt, aber Arbitrage durch Verlagerung in andere Länder/Kontexte unterscheidet sich von massenhafter Überflutung durch Klone
- Als Gegenargument wird angeführt, dass Zalando zu einem eigenständigen Unternehmen mit rund 5.000 Ingenieuren gewachsen ist und sich daher schwerlich als bloßer Klonfall einordnen lässt
Veränderung der Definition von „Burggraben“: nicht Features, sondern Umsetzung, Vertrieb, Vertrauen
- Heute liegt der Burggraben nicht in Features, sondern in Umsetzungsstärke und Vertriebskraft
- Großunternehmen können das frühe Tempo und die Hartnäckigkeit kleiner, unattraktiv wirkender Nischen oft nicht nachahmen
- Die Fähigkeit, ohne politischen Ballast schnell die Richtung zu ändern, ist eine Stärke von Startups
- Die meisten Startups scheitern nicht an Kopien durch Großunternehmen, sondern daran, Nutzer mit Zahlungsbereitschaft nicht zu finden
- Moderne Burggräben entstehen aus tiefem Verständnis für bestimmte Workflows, Vertrauen in einer kleinen Zielgruppe sowie aus Daten, Gewohnheiten, Integrationen und Community
- Realistischer als ein „cooles Produkt“ ist der Ansatz, zuerst ein schmerzhaftes Problem für eine bestimmte Gruppe zu lösen und dann zu expandieren
Werkzeuge als Symbol organisatorischer Langsamkeit
- In Großunternehmen braucht es vor dem Launch einer einzelnen Funktion dutzende Abstimmungsmeetings und Dokumente
- Auch mit AI bleibt die Organisationsstruktur selbst ein Geschwindigkeitslimit
- Die eigentliche Wettbewerbsfähigkeit liegt nicht im Code, sondern in Tempo, Fokus und der Fähigkeit zu launchen
- „Kein Jira nutzen zu müssen“ ist der Burggraben
- Einzelpersonen oder kleine Teams können mit Tools wie Trello oft ausreichend arbeiten
- Organisationen innerhalb großer Firmen, die Releases blockieren, werden teils als „Release Prevention Team“ bezeichnet
Die Debatte um Slack und Teams
- Microsoft hat Teams als Reaktion auf Slack gebaut, doch Debatten über Qualität und Zufriedenheit halten an
- Teams wird oft kostenlos im Bundle eingeführt, trotzdem behalten viele Organisationen Slack zusätzlich bei
- Aus Erfahrung in Unternehmen mit vielen Fusionen und Übernahmen ist es nicht ungewöhnlich, Teams und Slack parallel zu nutzen
- Teams hat den Vorteil der Integration ins Microsoft-Ökosystem, wird bei der Usability aber schwächer bewertet
- Manche ordnen die wahrgenommene Qualität als Discord > Slack > Teams ein
„Facebook hat AGI-Niveau bei den Leuten und baut trotzdem keine guten neuen Produkte“
- Selbst mit zehntausenden Ingenieuren ist es schwer, neue erfolgreiche Produkte zu schaffen
- Bei Facebook, Meta und Reality Labs zeigt sich, wie Organisationspolitik die Produktqualität beeinträchtigt
- Oculus bewegte sich vor der Übernahme schnell, danach fiel das Tempo stark ab
- Threads konnte erscheinen, weil ein vergleichsweise kleines Team zuerst ein MVP ausgeliefert hat
- Der Erfolg neuer Produkte in Großunternehmen beruht oft eher auf Übernahmen als auf interner Entwicklung
Neudefinition des Fokus von „Software-Startup“: Software ist nicht alles
- Der Kern erfolgreicher Startups ist nicht Software an sich, sondern Probleme zu lösen, für die Menschen/Unternehmen tatsächlich Geld zahlen
- Auch wenn sich intern Tools bauen lassen, bevorzugen Entscheider oft vertrauenswürdige externe Lösungen
- Kunden zahlen für Zuverlässigkeit, um die man sich nicht ständig kümmern muss
- Der eigentliche Konkurrent ist womöglich nicht ein Großunternehmen, sondern die zuständige Person innerhalb der Kundenorganisation („die Person, die dort intern dasselbe macht“)
Woher Ideen kommen: Menschen mit langer Erfahrung und vielen Kontakten
- Besonders stark ist der Prozess, über 5 bis 10 Jahre oder länger tief in einem Bereich gearbeitet zu haben und dessen Grenzen und Reibungen selbst zu erleben
- Je mehr man Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen trifft und mit ihnen spricht, desto stärker wachsen Problemverständnis und Ideen
Debatte über Erwartungswert und Motivation von Startups: Geld, Problem, Nachhaltigkeit
- Auf die Behauptung „Startups werden gegründet, um Probleme zu lösen“ trifft der zynische Einwand, „die meisten werden gegründet, weil den Gründern das Geld fehlt“
- Startups verfolgen gleichzeitig Problemlösung und Gewinnerzielung
- Die Ziele von VCs und die Motivation von Gründern können unterschiedlich sein
- „Sobald man VC annimmt, wird der Exit zum Unternehmensziel“
- „Erfolgreiches Bootstrapping ist extrem selten“
- Ohne Einnahmen kann ein Dienst selbst nicht nachhaltig bestehen
- Gewinnmaximierung unter Missachtung der Kunden führt langfristig zu Qualitätsverlust
- Qualitätsverlust tritt häufig erst im Stadium großer Unternehmen auf
Fazit des Gesamtverlaufs
- Das Kopieren durch Großunternehmen ist nicht das Kernproblem; die schwierigste Aufgabe bleibt Kundengewinnung und Umsetzung
- Der Burggraben entsteht nicht durch „Code“, sondern durch eine Struktur mit geringen Koordinationskosten, Verständnis für Markt- und Arbeitskontext, Service/Support und Vertrauen
- Startups sind von Natur aus eine Option mit geringer Erfolgswahrscheinlichkeit
- Gleichzeitig ist es auch eine Zeit, in der sich Chancen für kleine Teams und Einzelpersonen öffnen
- „Jetzt ist die beste Zeit der Geschichte“
- „Software wird sich wie eine kambrische Explosion vermehren“
- „Wichtiger als der Burggraben ist, was ich bauen kann und was ich tragen kann“
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