30 Punkte von GN⁺ 2026-01-18 | Noch keine Kommentare. | Auf WhatsApp teilen
  • In den vergangenen mehr als 50 Jahren wurden Versuche, die Softwareentwicklung zu vereinfachen und die Abhängigkeit von Entwicklern zu verringern, immer wieder unternommen.
  • Von COBOL in den 1960er-Jahren über CASE-Tools, Visual Basic, Low-Code und No-Code bis hin zu den jüngsten AI-Coding-Assistenten setzt sich dasselbe Muster fort.
  • Jede dieser Technologien steigerte die Produktivität, doch der Denkprozess zum Umgang mit Komplexität bleibt weiterhin Aufgabe des Menschen.
  • AI verstärkt die Fähigkeiten von Entwicklern, ersetzt aber nicht das Verständnis von Geschäftsproblemen und das Urteilsvermögen.
  • Diese wiederholten Versuche zeigen nicht die Grenzen der Tools, sondern die Komplexität der Probleme auf – letztlich ist die Investition in menschliches Denkvermögen entscheidend.

Der Beginn eines wiederkehrenden Musters

  • Alle zehn Jahre taucht das Versprechen auf: „Diesmal wird Entwicklung einfacher.“
    • Nach dem Apollo-Programm von 1969 rückte Software als Schlüsseltechnologie in den Mittelpunkt.
    • Zugleich zeigte sich jedoch, dass Entwicklung Fachwissen, Konzentration und Zeitinvestition erfordert.
  • Von da an begann der anhaltende Traum, Entwicklung zu vereinfachen und den Personalbedarf zu senken.

COBOL: Der Glaube, dass Fachbereiche selbst programmieren könnten

  • COBOL wurde – seinem Namen Common Business-Oriented Language entsprechend – so konzipiert, dass Business-Verantwortliche Code wie englische Sätze schreiben können.
  • In der Praxis blieben jedoch die Komplexität von Logik, Datenstrukturen und Systemdesign bestehen, sodass sich am Ende eine eigene Schicht spezialisierter COBOL-Entwickler herausbildete.
  • Die Vision, dass „jeder programmieren kann“, erfüllte sich nicht.

Die 1980er: Das Versprechen automatischer Generierung durch CASE-Tools

  • CASE (Computer-Aided Software Engineering)-Tools traten mit dem Versprechen an, Code automatisch aus Diagrammen zu erzeugen.
  • Unternehmen investierten in großem Umfang und erwarteten eine Verzehnfachung der Produktivität.
  • Doch der erzeugte Code scheiterte an Leistungsproblemen, schwieriger Wartbarkeit und Inkonsistenzen zwischen Modell und Implementierung.
  • Da weiterhin ein Verständnis für logische Komplexität erforderlich war, blieb das Grundproblem ungelöst.

Die 1990er: Der Ansatz von Visual Basic und Delphi

  • Mit dem Drag-and-Drop-Ansatz sank die Einstiegshürde, um UI einfach zu erstellen.
  • Einfache Anwendungen waren möglich, doch für komplexe Systeme mit Anforderungen an Integration, Sicherheit, Performance und Wartbarkeit wurden weiterhin erfahrene Entwickler benötigt.
  • Im Ergebnis sank die Nachfrage nach Entwicklern nicht – sie nahm sogar zu.

Seit den 2000ern: Web-Frameworks, Low-Code und No-Code

  • Ruby on Rails propagierte „Convention over Configuration“, Low-Code- und No-Code-Plattformen warben mit „Entwicklung ohne Code“.
  • In bestimmten Bereichen wurden Geschwindigkeit und Beteiligung tatsächlich erhöht, doch der Bedarf an professionellen Entwicklern stieg weiter.
  • Die wiederkehrende Frage lautet: „Warum wiederholt sich dieses Muster immer wieder?“

Das Wesen der Komplexität

  • Software wirkt auf den ersten Blick einfach, doch in Wirklichkeit explodiert die Komplexität bei Detailsituationen und Ausnahmebehandlung.
    • Beispiele: Konflikte bei Lagerreservierungen, fehlgeschlagene Zahlungen, Ausfälle von E-Mail-Diensten.
  • Genau diese Detailentscheidungen sind das Wesen der Entwicklungsarbeit, und kein Tool kann sie eliminieren.

Ein neues Kapitel im AI-Zeitalter

  • AI-Coding-Assistenten erzeugen Code in natürlicher Sprache und unterstützen bei Erklärungen, Debugging und Verbesserungsvorschlägen.
  • Das ist ein echter Fortschritt, aber Problemdefinition sowie Entscheidungen zu Sicherheit, Integration und Wartung bleiben weiterhin menschliche Aufgaben.
  • AI verstärkt die Produktivität von Entwicklern, ersetzt aber nicht Urteilsvermögen und Kontextverständnis.

Nach wie vor zu wenig Entwicklungskapazität

  • Die Technologie hat enorme Sprünge gemacht, doch die Nachfrage nach Software übersteigt das Angebot.
  • Unternehmen suchen nach Wegen, „schneller und mehr zu bauen“, und setzen Hoffnungen in Tools zur Vereinfachung der Entwicklung.
  • Der Engpass liegt jedoch nicht bei Tippgeschwindigkeit oder Syntax, sondern in der Fähigkeit, über Komplexität nachzudenken.

Die Fragen, die Führungskräfte stellen sollten

  • Nicht: „Wird dieses Tool Entwickler ersetzen?“
    • Sondern: „Hilft es bei der Lösung komplexer Probleme?“
    • „Reduziert es Routinearbeit, damit man sich auf kreative Probleme konzentrieren kann?“
    • „Erfordert es den Erwerb neuer Fähigkeiten?“
  • Diese Fragen machen die Grenzen der Tools und die Unvermeidbarkeit menschlichen Denkens sichtbar.

50 Jahre Lehre: Das Problem ist nicht mechanisch, sondern intellektuell

  • COBOL vereinfachte die Syntax, CASE beseitigte das Tippen, und AI erzeugt ganze Funktionen – doch die grundlegende Schwierigkeit bleibt bestehen.
  • Softwareentwicklung ist ein „Akt der Konkretisierung von Gedanken“, und das lässt sich nicht durch Tools ersetzen.
  • Wie bei Architekturentwürfen oder medizinischen Diagnosen ist der Denkprozess selbst der zentrale Wert.

Die Richtung nach vorn

  • Neue Tools werden weiter auftauchen, doch die Investition in menschliche Denkleistung ist am wichtigsten.
  • AI, Low-Code und neue Frameworks sollten erprobt werden, aber die Fähigkeit, Komplexität zu verstehen, muss zur Kernkompetenz der Organisation werden.
  • Wie beim Apollo-Programm ist nicht das Tool, sondern die Präzision des Denkens der entscheidende Erfolgsfaktor.

Warum der Traum weiterlebt

  • Der „Traum, Entwickler zu ersetzen“, ist kein Scheitern, sondern ein Optimismus, der Tool-Innovationen antreibt.
  • Jeder Versuch scheiterte an der vollständigen Ersetzung, brachte aber eine neue Generation nützlicher Tools hervor.
    • COBOL verbreitete die Entwicklung von Business-Systemen.
    • CASE trieb die visuelle Modellierung voran.
    • Visual Basic erweiterte den Zugang zur Entwicklung.
    • AI beschleunigt den Wandel der Entwicklungsweise.
  • Letztlich liegt die Begrenzung nicht bei den Tools, sondern bei der Komplexität der Probleme, die wir lösen wollen.
  • Es gibt keinen Grund, neue Tools abzulehnen; vielmehr sollten realistische Erwartungen und die Bedeutung menschlichen Urteils anerkannt werden.

Noch keine Kommentare.

Noch keine Kommentare.