- In den vergangenen mehr als 50 Jahren wurden Versuche, die Softwareentwicklung zu vereinfachen und die Abhängigkeit von Entwicklern zu verringern, immer wieder unternommen.
- Von COBOL in den 1960er-Jahren über CASE-Tools, Visual Basic, Low-Code und No-Code bis hin zu den jüngsten AI-Coding-Assistenten setzt sich dasselbe Muster fort.
- Jede dieser Technologien steigerte die Produktivität, doch der Denkprozess zum Umgang mit Komplexität bleibt weiterhin Aufgabe des Menschen.
- AI verstärkt die Fähigkeiten von Entwicklern, ersetzt aber nicht das Verständnis von Geschäftsproblemen und das Urteilsvermögen.
- Diese wiederholten Versuche zeigen nicht die Grenzen der Tools, sondern die Komplexität der Probleme auf – letztlich ist die Investition in menschliches Denkvermögen entscheidend.
Der Beginn eines wiederkehrenden Musters
- Alle zehn Jahre taucht das Versprechen auf: „Diesmal wird Entwicklung einfacher.“
- Nach dem Apollo-Programm von 1969 rückte Software als Schlüsseltechnologie in den Mittelpunkt.
- Zugleich zeigte sich jedoch, dass Entwicklung Fachwissen, Konzentration und Zeitinvestition erfordert.
- Von da an begann der anhaltende Traum, Entwicklung zu vereinfachen und den Personalbedarf zu senken.
COBOL: Der Glaube, dass Fachbereiche selbst programmieren könnten
- COBOL wurde – seinem Namen Common Business-Oriented Language entsprechend – so konzipiert, dass Business-Verantwortliche Code wie englische Sätze schreiben können.
- In der Praxis blieben jedoch die Komplexität von Logik, Datenstrukturen und Systemdesign bestehen, sodass sich am Ende eine eigene Schicht spezialisierter COBOL-Entwickler herausbildete.
- Die Vision, dass „jeder programmieren kann“, erfüllte sich nicht.
Die 1980er: Das Versprechen automatischer Generierung durch CASE-Tools
- CASE (Computer-Aided Software Engineering)-Tools traten mit dem Versprechen an, Code automatisch aus Diagrammen zu erzeugen.
- Unternehmen investierten in großem Umfang und erwarteten eine Verzehnfachung der Produktivität.
- Doch der erzeugte Code scheiterte an Leistungsproblemen, schwieriger Wartbarkeit und Inkonsistenzen zwischen Modell und Implementierung.
- Da weiterhin ein Verständnis für logische Komplexität erforderlich war, blieb das Grundproblem ungelöst.
Die 1990er: Der Ansatz von Visual Basic und Delphi
- Mit dem Drag-and-Drop-Ansatz sank die Einstiegshürde, um UI einfach zu erstellen.
- Einfache Anwendungen waren möglich, doch für komplexe Systeme mit Anforderungen an Integration, Sicherheit, Performance und Wartbarkeit wurden weiterhin erfahrene Entwickler benötigt.
- Im Ergebnis sank die Nachfrage nach Entwicklern nicht – sie nahm sogar zu.
Seit den 2000ern: Web-Frameworks, Low-Code und No-Code
- Ruby on Rails propagierte „Convention over Configuration“, Low-Code- und No-Code-Plattformen warben mit „Entwicklung ohne Code“.
- In bestimmten Bereichen wurden Geschwindigkeit und Beteiligung tatsächlich erhöht, doch der Bedarf an professionellen Entwicklern stieg weiter.
- Die wiederkehrende Frage lautet: „Warum wiederholt sich dieses Muster immer wieder?“
Das Wesen der Komplexität
- Software wirkt auf den ersten Blick einfach, doch in Wirklichkeit explodiert die Komplexität bei Detailsituationen und Ausnahmebehandlung.
- Beispiele: Konflikte bei Lagerreservierungen, fehlgeschlagene Zahlungen, Ausfälle von E-Mail-Diensten.
- Genau diese Detailentscheidungen sind das Wesen der Entwicklungsarbeit, und kein Tool kann sie eliminieren.
Ein neues Kapitel im AI-Zeitalter
- AI-Coding-Assistenten erzeugen Code in natürlicher Sprache und unterstützen bei Erklärungen, Debugging und Verbesserungsvorschlägen.
- Das ist ein echter Fortschritt, aber Problemdefinition sowie Entscheidungen zu Sicherheit, Integration und Wartung bleiben weiterhin menschliche Aufgaben.
- AI verstärkt die Produktivität von Entwicklern, ersetzt aber nicht Urteilsvermögen und Kontextverständnis.
Nach wie vor zu wenig Entwicklungskapazität
- Die Technologie hat enorme Sprünge gemacht, doch die Nachfrage nach Software übersteigt das Angebot.
- Unternehmen suchen nach Wegen, „schneller und mehr zu bauen“, und setzen Hoffnungen in Tools zur Vereinfachung der Entwicklung.
- Der Engpass liegt jedoch nicht bei Tippgeschwindigkeit oder Syntax, sondern in der Fähigkeit, über Komplexität nachzudenken.
Die Fragen, die Führungskräfte stellen sollten
- Nicht: „Wird dieses Tool Entwickler ersetzen?“
- Sondern: „Hilft es bei der Lösung komplexer Probleme?“
- „Reduziert es Routinearbeit, damit man sich auf kreative Probleme konzentrieren kann?“
- „Erfordert es den Erwerb neuer Fähigkeiten?“
- Diese Fragen machen die Grenzen der Tools und die Unvermeidbarkeit menschlichen Denkens sichtbar.
50 Jahre Lehre: Das Problem ist nicht mechanisch, sondern intellektuell
- COBOL vereinfachte die Syntax, CASE beseitigte das Tippen, und AI erzeugt ganze Funktionen – doch die grundlegende Schwierigkeit bleibt bestehen.
- Softwareentwicklung ist ein „Akt der Konkretisierung von Gedanken“, und das lässt sich nicht durch Tools ersetzen.
- Wie bei Architekturentwürfen oder medizinischen Diagnosen ist der Denkprozess selbst der zentrale Wert.
Die Richtung nach vorn
- Neue Tools werden weiter auftauchen, doch die Investition in menschliche Denkleistung ist am wichtigsten.
- AI, Low-Code und neue Frameworks sollten erprobt werden, aber die Fähigkeit, Komplexität zu verstehen, muss zur Kernkompetenz der Organisation werden.
- Wie beim Apollo-Programm ist nicht das Tool, sondern die Präzision des Denkens der entscheidende Erfolgsfaktor.
Warum der Traum weiterlebt
- Der „Traum, Entwickler zu ersetzen“, ist kein Scheitern, sondern ein Optimismus, der Tool-Innovationen antreibt.
- Jeder Versuch scheiterte an der vollständigen Ersetzung, brachte aber eine neue Generation nützlicher Tools hervor.
- COBOL verbreitete die Entwicklung von Business-Systemen.
- CASE trieb die visuelle Modellierung voran.
- Visual Basic erweiterte den Zugang zur Entwicklung.
- AI beschleunigt den Wandel der Entwicklungsweise.
- Letztlich liegt die Begrenzung nicht bei den Tools, sondern bei der Komplexität der Probleme, die wir lösen wollen.
- Es gibt keinen Grund, neue Tools abzulehnen; vielmehr sollten realistische Erwartungen und die Bedeutung menschlichen Urteils anerkannt werden.
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