- Eine neue Pilzart namens Lanmaoa asiatica wurde entdeckt; Berichten zufolge löst ihr Verzehr „liliputanische Halluzinationen“ aus, bei denen Betroffene Hunderte kleiner Menschen sehen
- Der Pilz gehört zu einer völlig anderen Pilzlinie als herkömmliche „Magic Mushrooms“ und wird in der chinesischen Provinz Yunnan weit verbreitet unter dem Namen „Jian shou qing“ verkauft
- DNA-Analysen zeigen, dass der Pilz näher mit dem Speisepilz Steinpilz (Boletus edulis) verwandt ist; bekannte halluzinogene Wirkstoffe wurden nicht nachgewiesen
- Dasselbe Halluzinationsphänomen wurde auch in voneinander weit entfernten Regionen wie Papua-Neuguinea und den Philippinen unabhängig voneinander berichtet, was auf eine gemeinsame chemische oder neurologische Ursache hindeutet
- Das Forschungsteam führt Genomanalysen und biochemische Experimente durch, um die unbekannten bioaktiven Verbindungen dieses Pilzes aufzuklären; dies könnte neue Hinweise für die Erforschung menschlicher Wahrnehmung liefern
Entdeckung und Merkmale von Lanmaoa asiatica
- Lanmaoa asiatica ist eine neu wissenschaftlich registrierte Art, die durch DNA-Analyse der auf Märkten in Yunnan verkauften Pilze namens „Jian shou qing“ identifiziert wurde
- Der Name bedeutet „wird blau, wenn man ihn berührt“ und bezieht sich auf die Eigenschaft, dass sich der Pilz nach dem Anschneiden innerhalb weniger Sekunden verfärbt
- Er ist wegen seines ausgezeichneten Geschmacks als Speisepilz beliebt, kann aber bei unzureichender Garung starke Halluzinationen auslösen
- Die Halluzinationen werden als „liliputanische Halluzinationen (Lilliputian hallucinations)“ bezeichnet und gehen mit visuellen Erfahrungen einher, bei denen zahlreiche kleine Figuren sich im realen Raum zu bewegen scheinen
- Laut Krankenhausunterlagen aus Yunnan berichteten 96 % der Patientinnen und Patienten mit Halluzinationen, „kleine Menschen“ oder „Feen“ gesehen zu haben
- DNA-Analysen zeigen, dass dieser Pilz eng mit dem Steinpilz verwandt ist und zu einer völlig anderen taxonomischen Gruppe gehört als bisher bekannte halluzinogene Pilze
Historischer und kultureller Hintergrund
- Aus dem Jahr 1934 gibt es Aufzeichnungen aus dem westlichen Hochland von Papua-Neuguinea, wonach Einheimische nach dem Verzehr eines als „nonda“ bezeichneten Pilzes vorübergehende psychische Auffälligkeiten und Halluzinationen zeigten
- Auch in später gemeldeten Fällen wurde wiederholt dasselbe Phänomen beobachtet, bei dem Betroffene „kleine Menschen“ sehen
- In der Region Yunnan in China ist dieser Pilz seit Jahrhunderten bekannt; bereits in daoistischen Schriften aus dem 3. Jahrhundert wird ein „Pilz, der einen kleine Menschen sehen lässt“ erwähnt
- Auch in der nördlichen Cordillera-Region der Philippinen soll ein Pilz namens „Sedesdem“ dieselben Halluzinationen auslösen; DNA-Analysen bestätigten ebenfalls, dass es sich um Lanmaoa asiatica handelt
Wissenschaftliche Forschung und Experimente
- Ein Forschungsteam des Naturkundemuseums von Utah analysierte die chemischen Bestandteile von Lanmaoa asiatica, konnte jedoch keine bekannten Halluzinogene wie Psilocybin (psilocybin) nachweisen
- Das deutet auf die mögliche Existenz völlig neuer, unbekannter bioaktiver Verbindungen hin
- Das Team verabreichte Extrakte des Pilzes an Labormäuse und beobachtete Verhaltensänderungen im Vergleich zur Kontrollgruppe
- Derzeit werden die aktiven Substanzen durch Compound-Fraktionierung (
fractionation) isoliert
- Parallel dazu wird eine Genomdatenbank für die gesamte Gattung Lanmaoa aufgebaut; dabei wurden zusätzlich vier bislang nicht erfasste neue Arten entdeckt
- Durch Genomvergleiche wird untersucht, wann und über welchen evolutionären Weg die halluzinogenen Eigenschaften entstanden sind
Markthandel und Sicherheitsprobleme
- Der Pilzmarkt in Kunming in Yunnan gehört zu den größten der Welt; dort werden mehr als 200 Arten von Wildpilzen gehandelt
- Da Jian shou qing nicht künstlich kultivierbar ist, wurde in kommerziell verpackten Produkten vielfach die Beimischung ähnlicher, aber anderer Arten festgestellt
- DNA-Analysen von online verkauften Produkten bestätigten in einigen Fällen auch das Vorhandensein giftiger Pilze, was Sicherheitsbedenken aufwirft
- Diese Vermischungsprobleme machen deutlich, dass in der chinesischen Exportindustrie für Wildpilze insgesamt ein stärkeres Qualitätsmanagement nötig ist
Bedeutung der Forschung und künftige Aufgaben
- Lanmaoa asiatica ist ein seltener Fall, in dem in unterschiedlichen Kontinenten und Kulturkreisen dasselbe Halluzinationsphänomen ausgelöst wird, und liefert neue Hinweise für die Forschung zu menschlicher Wahrnehmung und Neurochemie
- Die Forschenden bewerten die Aufklärung der chemischen und genetischen Geheimnisse dieses Pilzes als möglichen Schlüssel zum Verständnis der Rätsel des menschlichen Geistes
- Vermutlich existieren weitere bislang unbekannte kulturelle Traditionen und historische Aufzeichnungen; künftig wird eine Ausweitung interdisziplinärer Forschung zwischen Volkskunde und Biologie erwartet
- Zum Schluss des Artikels wird betont, dass selbst in einer gewöhnlichen Schüssel Pilzsuppe noch unergründete Geheimnisse der Welt verborgen liegen, und eine fortdauernde Reise der Forschung an der Grenze zwischen Wissenschaft und Tradition skizziert
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