- Zusammenfassender Überblick:
- Kernthema: Das Scheitern von IT-Projekten geht nicht auf technische Herausforderungen zurück, sondern auf die „vorsätzliche Ignoranz“ des Managements und die arrogante Weigerung, aus vergangenen Fehlschlägen zu lernen.
- Wichtige Zahlen: In den vergangenen 20 Jahren haben sich die globalen IT-Ausgaben verdreifacht (auf 5,6 Billionen US-Dollar), doch die Erfolgsquote stagniert; allein für die Wartung von Legacy-Systemen werden 75 % des Budgets verbraucht.
- Zentrale Beispiele: Das umfassende Managementversagen beim kanadischen Phoenix-System und die unethische Vertuschung im britischen Horizon-Skandal sind keine „Fehlgriffe (Blunder)“, sondern „administratives Böses (Administrative Evil)“.
1. Einleitung: Keine sinkende Ausfallquote trotz massiver Investitionen
- Stagnierende Effizienz trotz Investitionen:
- Seit 2005 sind die weltweiten IT-Ausgaben von 1,7 Billionen US-Dollar auf 5,6 Billionen US-Dollar im Jahr 2025 und damit auf mehr als das Dreifache gestiegen.
- Trotz dieses enormen Mitteleinsatzes zeigt die Erfolgsquote von Softwareprojekten in den vergangenen 20 Jahren keine klare Verbesserung.
- Warnung vor Illusionen rund um AI:
- Viele Führungskräfte erwarten, dass AI-Tools oder Coding-Assistenten wie Copilot große Projekte erfolgreich machen werden, doch der Autor steht dem skeptisch gegenüber.
- AI kann weder die Komplexität des Systems Engineerings noch finanzielle Trade-offs und vor allem nicht die „Organisationspolitik (Organizational Politics)“ innerhalb eines Projekts lösen.
- Universelles Scheitern:
- Softwareversagen tritt unterschiedslos auf – unabhängig von Land, Unternehmensgröße oder Gewinnorientierung – und beruht nicht bloß auf technischen Fehlern, sondern auf „mangelnder menschlicher Vorstellungskraft“ und „unrealistischen Zielen“.
2. Hauptteil: Vertiefte Analyse der Arten und Ursachen des Scheiterns
2.1. Sich wiederholende „Fehlgriffe (Blunder)“ und Lernverweigerung
- Unterscheidung zwischen Scheitern und Fehlgriff:
- Scheitern als Form der „schöpferischen Zerstörung (Creative Destruction)“, das beim Ausloten technischer Grenzen entsteht, sollte willkommen sein.
- Die meisten IT-Fehlschläge sind jedoch nichts weiter als „dumme Fehlgriffe (Blunder)“, bei denen Ursachen wiederholt werden, die seit Jahrzehnten dokumentiert sind (fehlendes Risikomanagement, Unterschätzung von Komplexität usw.).
- Arroganz des Managements:
- Projektverantwortliche behaupten oft, ihr Projekt sei „besonders und einzigartig“, und neigen dazu, frühere Fehlschläge oder Daten zu ignorieren.
- Das ist nicht bloß Unwissen, sondern „vorsätzliche Ignoranz (Willful Ignorance)“, also das absichtliche Wegsehen bei Warnsignalen.
- Die Falle der Legacy-Systeme:
- Organisationen in den USA geben jährlich mehr als 520 Milliarden US-Dollar allein für die Wartung von Legacy-Systemen aus, was 70 bis 75 % des gesamten IT-Budgets entspricht.
- Aus Angst vor dem Scheitern eines Austauschs wird die Modernisierung hinausgezögert, bis das System physisch zusammenbricht (z. B. das Mainframe-System der Kraftfahrzeugbehörde von Louisiana) oder jede Kosteneffizienz verloren geht.
2.2. Details zentraler Fehlschläge und ihre Folgewirkungen
- Kanadas Phoenix-Gehaltsabrechnungssystem:
- Ursprüngliche Fehlentscheidung: Bei der Einführung einer Standardlösung (PeopleSoft) wurde versucht, 80.000 Gehaltsregeln und 105 Tarifverträge anzupassen.
- Der Preis von Budgetkürzungen: Um das Projekt mit weniger als 60 % des von den Anbietern vorgeschlagenen Budgets umzusetzen, wurden zentrale Payroll-Funktionen gestrichen, Tests reduziert und notwendige Pilot-Tests ausgelassen.
- Ergebnis: Kurz nach dem Start im Jahr 2016 brach das System zusammen. Falsche Lohn- und Gehaltszahlungen verursachten finanzielle Notlagen bei Beschäftigten (teilweise wurde dies als Mitursache für Suizide genannt).
- Kosten: Das ursprüngliche Budget lag bei 310 Millionen kanadischen Dollar, doch die Wiederherstellungs- und Behebungskosten übersteigen inzwischen 5,1 Milliarden kanadische Dollar (rund 3,6 Milliarden US-Dollar).
- Der britische Post-Horizon-Skandal:
- Technischer Defekt: Ein Middleware-Bug im von Fujitsu bereitgestellten System verursachte Fehler bei finanziellen Abweichungen.
- Organisierte Vertuschung: Das Management wusste von den Softwarefehlern, vertuschte sie jedoch und klagte stattdessen 3.500 Poststellenleiter wegen Unterschlagung und Diebstahls an. 900 wurden schuldig gesprochen und inhaftiert.
- Gesellschaftliche Kosten: Es kam zu Insolvenzen, Scheidungen, Haftstrafen und Suiziden unter den Betroffenen. Der Fall gilt als schlimmstes IT-Versagen und Justizskandal der britischen Geschichte.
2.3. Automatisierte Entscheidungen und „administratives Böses“
- Die Gewalt von Algorithmen:
- Die Systeme MiDAS in Michigan, USA (zur Aufdeckung von Betrug bei Arbeitslosenleistungen), und Robodebt in Australien (zur Aufdeckung von Sozialleistungsbetrug) trafen Entscheidungen allein auf Basis von Algorithmen – ohne menschliche Aufsicht.
- Zehntausende unschuldige Bürger wurden als Kriminelle behandelt, doch selbst nachdem die Systemfehler nachgewiesen waren, verweigerten Bürokratien Entschädigungen oder wichen Verantwortung aus.
- Risiken bei der Einführung von AI:
- Dieses „administrative Böse (Administrative Evil)“ wird sich verschärfen, je tiefer AI in öffentliche Infrastrukturen eingreift.
- Die EU hat zwar ein „Recht auf Erklärung“ eingeführt, doch weltweit besteht dringender Bedarf an Transparenz und klarer Verantwortlichkeit für Algorithmen.
3. Fazit: Lösungsansätze und Aufgaben für die IT-Community
- Methoden wie Agile/DevOps sind kein Generalschlüssel:
- Wie Berichte zeigen, wonach die Scheiterquote von Agile-Projekten bis zu 65 % erreichen kann, garantiert die Methode selbst keinen Erfolg. Ohne konsistente Führung und organisatorische Disziplin scheitert jede neue Methodik.
- Ehrliche Risikobewertung und ethische Verantwortung:
- Vor Projektbeginn sollte eine ehrliche Gap Analysis vorangestellt werden: „Was wissen wir, und was wissen wir nicht?“
- Das Konzept einer „menschenzentrierten AI (Human-centered AI)“ sollte auf alle IT-Projekte ausgeweitet werden, sodass emotionale und finanzielle Schäden für Endnutzer durch Systemversagen in die Kosten-Nutzen-Analyse einfließen.
- Appell an einen Einstellungswandel im Management:
- Software ist ihrem Wesen nach fragil und komplex. Führungskräfte sollten Softwareentwicklung nicht nur als Budgetverantwortliche, sondern auch als diejenigen respektieren und unterstützen, die im Fall des Scheiterns Verantwortung tragen.
- Nur wenn die sich wiederholenden Fehler gestoppt werden, kann die IT-Branche aus ihrer „Krise (Crisis)“ herausfinden.
1 Kommentare
Zusammenfassung der Reaktionen in den Hacker-News-Kommentaren
1. Fehlende schrittweise Auslieferung und Skalierungsstrategie (Start Small)
2. Inkompetenz des Managements und Vermeidung von Verantwortung (Management Issues)
3. Unkontrollierbare Anforderungen und Komplexität (Complexity & Scope Creep)
4. Entwicklerkultur und falsche Anreize (Developer Culture)
5. Die Besonderheit des Software Engineering (Engineering Nature)