- Kernpunkte:
- Das YouTube-Webentwicklungsteam sah sich durch die Unterstützung von IE6 mit einer übermäßigen Wartungslast und technischen Problemen konfrontiert.
- Statt den Support offiziell einzustellen, spielte es heimlich ein vages Warnbanner aus, das IE6-Nutzer zum Upgrade bewegen sollte.
- Durch den Missbrauch einer Sonderberechtigung namens "OldTuber" gelang es dem Team, interne Freigabeprozesse zu umgehen und den Code auszurollen.
- Als Medien und andere interne Google-Teams wie Google Docs dieses Vorgehen nachahmten oder positiv deuteten, beschleunigte sich die Bewegung zur Abschaffung von IE6; innerhalb eines Monats halbierte sich die Zahl der IE6-Nutzer auf YouTube.
Einleitung
- Hintergrund: Hinter dem erstaunlichen Wachstum von YouTube steht auch eine Anekdote darüber, wie das Webentwicklungsteam vor zehn Jahren intern zusammenspannte, um die Unterstützung für IE6 (Internet Explorer 6) zu beenden.
- Ursache des Problems: IE6 war für das Entwicklungsteam eine technische Katastrophe, da Dinge wie Attributselektoren oder
<img>-Tags mit leerem src-Attribut Browser-Abstürze oder zusätzliche Serverlast verursachten.
- Wartungsaufwand: Pro wichtigem Sprint-Zyklus gingen 1 bis 2 Wochen für die Behebung von IE6-Bugs drauf, und da damals rund 18 % aller Nutzer IE6 verwendeten, war ein offizieller Support-Stopp kaum möglich.
- Beginn der Verschwörung: Nach enormem Leid suchte das Team nach einem Weg, IE6 ohne Gegenreaktionen der Nutzer loszuwerden, und kam auf die Idee, statt einer offiziellen Einstellung eher eine "Drohung" auszusprechen.
Hauptteil
1. Planung und Umsetzung der Banner-Strategie zur IE6-Upgrade-Motivation
- Banner-Plan: Es wurde beschlossen, ein kleines Banner oberhalb des Videoplayers einzublenden, das nur IE6-Nutzern angezeigt wird.
- Inhalt der Nachricht: "Die Unterstützung für Ihren Browser wird in Kürze schrittweise eingestellt. Bitte aktualisieren Sie auf einen neueren Browser."
- Besonderheit: Der Text war absichtlich vage formuliert und nannte keine Frist; Ziel war es, Nutzer zum Upgrade zu bewegen, ohne eine tatsächliche Abschaltung verbindlich anzukündigen.
- Browser-Links: Enthalten waren Chrome, Firefox, IE8 und andere; die Anzeige erfolgte in zufälliger Reihenfolge.
- Missbrauch der "OldTuber"-Berechtigung:
- Hintergrund der Berechtigung: Kurz nach der Google-Übernahme verfügten einige der frühen YouTube-Ingenieure über eine Sonderberechtigung ("OldTuber"), die geschaffen worden war, damit sie neue Google-Code-Richtlinien umgehen und Code schneller committen konnten. Einige der Autoren besaßen diese Berechtigung noch.
- Heimlicher Rollout: Die Teammitglieder nutzten diese "OldTuber"-Berechtigung, um das formale Code-Review-Verfahren des Managements zu umgehen und den Banner-Code in die Produktionsumgebung auszurollen.
2. Unerwartete Folgen und Faktoren, die die Verbreitung beschleunigten
- Reaktion des PR-Teams: Unmittelbar nach dem Start des Banners berichteten große IT-Medien über den Vorgang und zeichneten ein positives Narrativ von YouTube als Vorreiter für ein schnelleres und sichereres Web.
- Ergebnis: Das PR-Team war mit der unerwartet positiven Medienresonanz zufrieden und half im Nachhinein beim Briefing.
- Bedenken der Rechtsabteilung und Aufklärung: Erschrockene Juristen befürchteten, eine Bevorzugung von Chrome könne als wettbewerbswidriges Verhalten erscheinen, und forderten die Entfernung des Banners.
- Lösung: Der Autor zerstreute die Bedenken, indem er demonstrierte, dass die Reihenfolge der Browser zufällig bestimmt wurde.
- Nachahmung durch das Google-Docs-Team: Obwohl mit Ärger von Managern gerechnet wurde, kam niemand; stattdessen sah das Team von Google Docs das YouTube-Banner und überzeugte seine eigenen Manager, selbst ein ähnliches IE6-Warnbanner einzuführen.
- Wirkung: Das Vorgehen des Google-Docs-Teams machte den Ursprung des YouTube-Banners paradoxerweise unklarer und wurde zum Auslöser dafür, dass sich weitere Google-Teams der Abschaffung von IE6 anschlossen.
- Duldung durch das Management: Das YouTube-Engineering-Management erfuhr später die Hintergründe, entschied jedoch, dass "der Zweck die Mittel heiligt", und duldete das Vorgehen inoffiziell.
3. Der rasche Rückgang der IE6-Nutzer
- Beschleunigte Abschaffung: Als YouTube, Google Docs und viele weitere Google-Dienste IE6-Banner einblendeten, breitete sich die Bewegung zur Abschaffung von IE6 im gesamten Web aus.
- Statistischer Erfolg: Innerhalb eines Monats halbierte sich die IE6-Nutzerbasis von YouTube, und der weltweite IE6-Traffic sank um mehr als 10 %.
- Ergebnis: Das Entwicklungsteam setzte seinen Plan ohne disziplinarische oder offizielle Maßnahmen erfolgreich um und versprach anschließend, nie wieder einen ähnlichen nicht autorisierten Rollout vorzunehmen.
Fazit
- Gesamtbewertung: Das YouTube-Webentwicklungsteam baute seine Frustration über technische Schwierigkeiten ab und nutzte interne Sonderrechte sowie unerwartete externe Reaktionen, um IE6 als technisches Hindernis erfolgreich zu beseitigen.
- Wichtigste Lehre: Der Vorfall zeigte, dass das Handeln eines kleinen Teams, das Risiken eingeht und konsequent umsetzt, in einem großen Unternehmen und im gesamten Web-Ökosystem schnelle und positive Veränderungen auslösen kann.
8 Kommentare
Das ist wirklich eine Kunst.
Trotzdem scheint es am Ende doch etwas Gutes gewesen zu sein
Tatsächlich wurde diese Methode (Einblendung eines Banners beim Zugriff mit IE7) damals auch von großen Websites in Korea eingesetzt, um IE7 loszuwerden (das von MS nicht unterstützt wurde). Soweit ich mich erinnere, war die Wirkung enorm.
Wie auch immer, es war jedenfalls ein ziemlich spontanes Vorgehen, daher frage ich mich, welchen Vorteil das Unternehmen darin gesehen hat, es stillschweigend zu dulden.
Da damit ja kein Wechsel zu Chrome bewirkt wurde, scheint Google keinen besonderen Vorteil davon gehabt zu haben.
Oder hat man es vielleicht schon als ausreichend vorteilhaft angesehen, wenn auch nur ein Teil der IE-Nutzer übernommen werden konnte?
Wartung kostet ebenfalls Ressourcen; wenn sie also Ressourcen eingespart haben, ist das aus Unternehmenssicht nicht ebenfalls ein Vorteil?
> 1–2 Wochen eines wesentlichen Sprint-Zyklus wurden für die Behebung von IE6-Bugs aufgewendet,
heißt es da. Ich weiß zwar nicht, wie lang der Sprint-Zyklus bei Google ist, aber wenn man von einem Monat ausgeht, spart man mindestens 25 %.
Wenn man bedenkt, dass andere Teams das offenbar ebenfalls nachgemacht haben, haben fast alle Webentwicklungsteams wohl ihre Zeit verschwendet.
Letztlich kann man es auch so sehen, dass das YouTube-Team die Aufgabe übernommen hat, die irgendwann eigentlich das Management hätte erledigen müssen, lol
Der Zweck heiligt die Mittel.
Es ist leichter, um Vergebung zu bitten als um Erlaubnis.
Grace Hopper:
"If it's a good idea, go ahead and do it. It's much easier to apologize than it is to get permission."
"Wenn es eine gute Idee ist, dann leg einfach los. Es ist viel leichter, sich hinterher zu entschuldigen, als vorher um Erlaubnis zu bitten."