1. Forschungshintergrund und Versuchsaufbau
- Der Vergleich „Taschenrechner vs. LLM“ weist zwar oberflächliche Ähnlichkeiten auf, doch LLMs sind eine völlig neue Herausforderung, weil sie sogar die menschliche Kreativität und das kritische Denken beeinflussen.
- Das Forschungsteam des MIT Media Lab teilte 54 Personen (Durchschnittsalter 22,9 Jahre, Erwachsene mit Schreibkompetenz) in drei Gruppen ein und führte über mehrere Monate hinweg vier Essay-Schreibexperimente sowie EEG-Analysen durch: ① ohne Hilfsmittel ② mit Websuche ③ mit ChatGPT.
- In der letzten (4.) Sitzung wurde ein „Bedingungswechsel“ vorgenommen, um adaptive Veränderungen der kognitiven Fähigkeiten zu beobachten: Die Personen, die bislang ohne Hilfsmittel geschrieben hatten, nutzten nun ChatGPT, während die bisherigen Nutzer von ChatGPT ohne Hilfsmittel schrieben.
2. Zentrale Versuchsergebnisse
- Die Gruppe, die LLMs nutzte, schrieb in der Bewertung (durch menschliche und KI-Gutachter) zwar ordentliche Texte, zeigte jedoch deutlich verringerte Gehirnwellen-Konnektivität, Konzentration und kognitive Aktivierung („cognitive debt“).
- Rückgänge bei Kreativität sowie bei dem Gefühl der Eigenverantwortung für den eigenen Text und bei der Erinnerung daran — „hinter den softwareseitigen Gewinnen stehen kognitive Kosten“ (Original: cognitive debt).
- Teilnehmende, die zunächst ein traditionelles Schreibtraining erhalten hatten, konnten beim Einsatz von KI ihre kognitive Autonomie und Gehirnaktivierung gut aufrechterhalten; im umgekehrten Fall blieb hingegen die Tendenz zur Abhängigkeit von LLMs und zum kognitiven Abbau bestehen.
- „Menschen, die sich an KI-Tools gewöhnt haben, zeigen beim Schreiben ohne Tool eine schwächere Gehirnkonnektivität, und auch ohne KI bleiben negative Spuren wie der für LLMs typische Sprachgebrauch und eine nachlassende Erinnerungsleistung bestehen.“
3. Neurologische Mechanismen und pädagogische Implikationen
- LLMs wie ChatGPT verringern die Konnektivität in Hirnarealen, die für höhere kognitive Funktionen wie Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und Sprachverarbeitung zuständig sind.
- Selbst Gehirnnetzwerke sowie Alpha- und Beta-Netzwerke werden geschwächt („die Struktur verändert sich dahin, das Denken selbst nach außen zu ‚outsourcen‘“).
- Bei unreifen Gruppen wie jungen Schülern besteht die Sorge vor größerer kognitiver Verschuldung und stärkeren negativen Auswirkungen.
- Für Bildungseinrichtungen ist die Reihenfolge bei der Einführung von KI-Tools entscheidend — erst grundlegendes Schreiben und kritisches Denken ausreichend erlernen, dann KI-Tools nutzen.
4. Lehren
- Drei Grundprinzipien, auf die das Experiment hindeutet
- Grundlagen zuerst: Zentrales Schreib- und Denktraining muss vorausgehen
- Kognitive Beteiligung: Bei der Einführung von KI sind Wege nötig, die Denkfähigkeit und Gehirnaktivierung möglichst erhalten
- Eigenverantwortung und Erinnerungsleistung priorisieren: Es braucht Anleitung, um den Verlust des Gefühls für die eigene Arbeit und der Erinnerungsleistung zu verhindern.
- „Das Ziel ist, Menschen nicht zu bloßen Konsumenten von KI-Ergebnissen zu machen, sondern zu kritischen und kreativen KI-Nutzern zu führen.“
- „Zuerst muss man lernen, selbst zu denken, und danach, gemeinsam mit der Maschine zu denken" (First learn to think for oneself, then learn to think with the machine).
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