Die Trauer hat ein Verfallsdatum bekommen, genau wie wir
(bessstillman.substack.com)- In der psychologischen Diagnostik gilt Trauer nach einer bestimmten Zeitspanne als pathologisch
- Trauer ist eine persönliche Erfahrung und zeigt sich bei jedem anders, unabhängig vom Vergehen der Zeit
- Durch wiederholtes Lernen an der Realität wird das bestehende mentale Modell aufgelöst
- Die Gesellschaft glaubt, Trauer als Krankheit benennen und damit kontrollieren zu können, tatsächlich ist sie jedoch Teil des Menschseins
- Es wird betont, dass es ein realitätsferner Maßstab ist, Trauer zeitlich zu begrenzen
Die Zeit der Trauer, die Bedingung des Menschseins
Es ist ein Jahr her, seit mein Mann Jake gestorben ist, und doch ist es noch immer schwer zu glauben
- Auf der Suche nach Spuren von Jake verspüre ich bei einem neuen Restaurant oder einem Artikel noch immer den Impuls, das mit Jake teilen zu wollen
- Im Gesicht meiner Tochter Athena sehe ich Jake wieder und erlebe das Gefühl, als würden Vergangenheit und Zukunft in einem einzigen Moment zusammengedrängt
Die Diagnose der Trauer, und die Frage danach
- Die American Psychiatric Association versieht Trauer, die länger als ein Jahr andauert, mit der Diagnose 'prolonged grief'
- Schon mit nur drei Symptomen ist eine Diagnose möglich, und es stellt sich die Frage, ob dieser Maßstab nicht viel zu kurz ist
- Wie lange ein Mensch braucht, um mit Trauer zu leben, ist individuell verschieden
Trauer und Vorhersagefehler
- In den Neurowissenschaften bezeichnet 'prediction error' das Auseinanderfallen von Erwartung und Realität
- Verhaltensweisen, die Jake immer wieder zeigte, wurden zum Grundmodell des Lebens, und seine Abwesenheit löst fortwährend Vorhersagefehler aus
- Nur durch die wiederholte Erfahrung des „Nicht-da-Seins“ kann das Gehirn die Realität neu erlernen
- Dieser Prozess ist ein schmerzhafter Lernvorgang, in dem das eigene Selbst zerfällt
Anpassung an die Realität und die Funktion der Trauer
- Trotz der Trauer werden Alltag, Kindererziehung, Arbeit und Haushalt weiter bewältigt
- Dass ein Mensch funktional wirkt, bedeutet nicht, dass er unversehrt ist
- Hinter der Diagnose von Trauer als Krankheit steht die Angst vor der Ungewissheit des Schmerzes
Die „normale“ Trauer, die die Gesellschaft fordert
- Es gibt ein gesellschaftliches Verlangen, Trauer klar zu diagnostizieren
- Man spürt die Erwartung des Umfelds, Trauer möglichst schnell abzuschütteln, was den Schmerz eher noch vertieft
- Die moderne Gesellschaft verbirgt den Tod und versucht, ihn mit Technik zu überwinden; Trauer verbleibt dadurch im privaten Raum
Vom Kollektiv zum Individuum verschobene Trauer
- Im viktorianischen Zeitalter gab es Rituale wie Trauerkleidung, die Trauer sichtbar machten, heute gilt Trauer eher als etwas „Ansteckendes“
- Menschen bemühen sich daher, ihre Trauer zu verbergen, und halten sich in der Öffentlichkeit mit Gefühlsäußerungen zurück
- Trauer wächst im privaten Raum weiter und wird in Beziehungen zur Außenwelt maskiert oder unterdrückt
Trauer ohne Reihenfolge
- Gerade weil die eigene Trauer nicht 'orderly' ist, entsteht Ablehnung gegenüber der Diagnose 'disordered grief'
- Die Trauer begann schon, als Jake noch lebte, und wiederholt sich seitdem in zirkulären Bewegungen
- Auch mit der Zeit kommt die Trauer jeden Tag in anderer Reihenfolge und mit anderen Gefühlen zurück
Die Unstimmigkeit zwischen Zeit und Trauer
- Nach dem Tod des Mannes kehren andere in ihren Alltag zurück, doch die eigene Zeit ist in diesem Moment stehen geblieben
- Es fühlt sich an, als sei die Anpassung an die Welt erneut ein physisch schwieriges Problem
- Trauer erscheint weniger als Krankheit denn als eine Art „physikalisches Problem“
Heilung und das Weitergehen des Lebens
- In der Notfallmedizin ist bei „Heilung“ das Timing entscheidend, doch dem Leben eines Menschen nach einem Verlust lässt sich kein Tempo vorgeben
- Die Zeit ohne den Ehemann dauert für immer an, und auch das eigene Leben ist begrenzt
- Statt darauf zu warten, dass die Trauer besser wird, entsteht das Bewusstsein, dass sie selbst Teil des Lebens ist
Fazit: Trauer als Beweis des Menschseins
- Jeder Mensch erlebt immer wieder den Schmerz zwischen Verlust und dem, was es dennoch wert ist, weiterzugehen
- Gegen den Blick auf Trauer als Krankheit wird betont, dass sie eine menschliche „Spur der Liebe“ ist
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