Spaniens Pontevedra erklärt die gesamte Stadt zur 'verkehrsbeschränkten Zone'
(greeneuropeanjournal.eu)- Die spanische Stadt Pontevedra hat ihr gesamtes Stadtgebiet als Zone mit eingeschränktem Autoverkehr ausgewiesen.
- Durch die Umstellung von einer bestehenden autozentrierten Stadtstruktur auf ein einwohnerorientiertes Modell wurden bessere Luftqualität und mehr Sicherheit erreicht.
- Mit praktischen Verkehrspolitiken wie der Zufahrt nur für notwendige Fahrzeuge wurde das Verkehrsaufkommen um 40 % gesenkt.
- Zu Fuß gehen und Radfahren wurden zu alltäglichen Verkehrsmitteln, was zu einer Belebung von Innenstadtflächen, Einzelhandel und Gemeinschaft führte.
- Als Erfolgsfaktoren der Politik gelten klare Kommunikation und Bildung, Beteiligung sowie flexible Fahrzeugzugangsregeln.
Die Stadt für Menschen, nicht für Autos: der Wandel des Pontevedra-Modells
Pontevedra, eine Stadt in der nordwestspanischen Region Galicien, hat kürzlich das gesamte Stadtgebiet (rund 490 Hektar) zur verkehrsbeschränkten Zone (traffic reduced zone) erklärt und damit einen neuen Lösungsansatz für die Probleme Luftverschmutzung, Verkehrsunfälle und Verlust öffentlicher Räume aufgezeigt, mit denen viele europäische Städte konfrontiert sind. Statt Autos vollständig zu verbieten, entschied sich Pontevedra für einen bewohner- und fußgängerzentrierten Ansatz.
# Von der autozentrierten Stadt zur fußgängerorientierten Stadt
- Noch in den 1990er Jahren war Pontevedra eine von Fahrzeugen überfüllte Stadt, doch seit der Wahl von Bürgermeister Miguel Anxo Fernández Lores im Jahr 1999 verfolgt die Stadt eine Politik, die Fußgänger und Einwohner in den Mittelpunkt stellt.
- Der Bürgermeister betont, dass die Wiedergewinnung öffentlicher Räume und die Sicherung der universellen Zugänglichkeit die Eigenständigkeit der Einwohner stärken.
- Auch politisch fällt die Stadt auf: Anders als die in Galicien dominierenden rechten Parteien regiert der Galicische Nationalistenblock (BNG), dem der Bürgermeister angehört, inzwischen in der siebten Amtszeit.
# Europäische Städte und das Autoproblem
- Mehr als 75 % der europäischen Bevölkerung leben in urbanen Räumen; bis 2050 dürfte dieser Anteil auf 83 % steigen.
- Der Straßenverkehr verursacht 37 % der Stickoxidbelastung in Europa und ist damit ein Haupttreiber der Luftverschmutzung.
- Europäische Länder treiben verschiedene Maßnahmen für den Wandel zu sauberen Städten voran, darunter Niedrigemissionszonen (LEZ), der Green City Accord und die Climate-Neutral and Smart Cities EU Mission.
# Pontevedras innovative Politik
- Pontevedra erfüllt die nationalen spanischen Luftqualitätsstandards schon seit langer Zeit, definierte aber 2022 freiwillig die gesamte Stadt als verkehrsbeschränkte Zone neu.
- Nur „notwendige Fahrzeuge“ dürfen ins Zentrum einfahren: Notfall- und öffentliche Dienste, Fahrzeuge von Menschen mit Behinderung und Anwohnern sowie Fahrten zu privaten Garagen sind rund um die Uhr erlaubt.
- Kommerzielle Lieferungen, Warentransporte und ähnliche Funktionen sind nur innerhalb der Arbeitszeiten zugelassen (die Zeitfenster müssen strikt eingehalten werden, bei Verstößen drohen Bußgelder).
- Private Fahrzeuge sollen auf kostenlosen Parkplätzen am Stadtrand (insgesamt rund 3.500 Stellplätze, 10 bis 15 Minuten zu Fuß entfernt) abgestellt werden.
# Veränderungen bei Gehen, Gemeinschaft und Einzelhandel
- Seit der Beschränkung des Autoverkehrs haben sich die Plätze im Stadtzentrum in zentrale Räume für Kulturveranstaltungen und den Austausch der Einwohner verwandelt.
- Lokale Geschäfte und Märkte wachsen dank eines vielfältigeren Kundenstroms; die Einschätzung lautet, dass eine „fußgängerfreundliche Stadt auch den Konsum positiv fördert“.
- Das gesamte Verkehrsaufkommen sank um 40 %, und selbst an Wochenenden oder bei Veranstaltungen wird der Vorrang für Fußgänger konsequent gesichert.
# Straßenraum, Sicherheit und Gesundheit
- Seit 2010 gilt erstmals auf dem gesamten Straßennetz ein Tempolimit von 30 km/h; im Zentrum wird noch strenger auf unter 10 km/h begrenzt.
- In den vergangenen zehn Jahren wurden null Verkehrstote erreicht, 73 % der Kinder gehen zu Fuß zur Schule, und mehr als 70 % der Einwohner sind mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs.
- Auch Klimaziele wurden frühzeitig erreicht, darunter eine Senkung der CO2-Emissionen um 67 %.
# Flexibilität, Beteiligung und Exportfähigkeit der Politik
- Pontevedra setzt statt auf ein vollständiges Autoverbot auf einen flexiblen Ansatz mit Zugang für „notwendige Fahrzeuge“ und starker Einbindung der Einwohner.
- Nach Einführung der Maßnahmen wurden die neu gewonnenen Flächen sofort mit fußgängerbezogenen und gemeinschaftlichen Aktivitäten belebt.
- Geteilte, präzise Politikziele, Kommunikation, Bildungsprozesse und lokale Vernetzung gelten als Erfolgsfaktoren.
- Die Stadt erhielt von verschiedenen Organisationen wie der Europäischen Union und UN-Habitat Auszeichnungen für urbane Sicherheit und Nachhaltigkeit.
- Mit Blick auf die Übertragbarkeit auf andere Städte betont der Bürgermeister, dass „maßgeschneiderte Modelle erforderlich sind, die die Realität jeder Stadt berücksichtigen“, und stellt zugleich den „Paradigmenwechsel von Räumen für Autos hin zu Städten für Menschen“ als zentrale Lehre unserer Zeit heraus.
# Fazit
- Der Fall Pontevedra gilt als vorbildliches Modell im In- und Ausland, das Innovation in der städtischen Verkehrspolitik sowie Lebensqualität, Stadtökonomie und Gesundheitsindikatoren zugleich verbessert hat.
- Künftig ist es wichtig, dass Städte die bürgergetriebene Rückgewinnung von Raum, flexible Fahrzeugpolitik und Innovationen im Fußverkehrsumfeld eigenständig weiterentwickeln.
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