- Die Behauptung, man könne einen Payment Processor selbst bauen, ist weit verbreitet, in der Praxis ist das jedoch eine schwierige Aufgabe, bei der technische, finanzielle und regulatorische Hürden komplex ineinandergreifen
- Ohne MSP-/PayFac-Struktur und Bank-Sponsorship ist der Aufbau eines unabhängigen Zahlungsnetzes faktisch unmöglich
- Die Pflichten rund um KYC·KYCC, Sicherheit·Zertifizierung und Risikomanagement sind enorm und für kleine Dienste kaum zu bewältigen
- Alternativen über High-Risk-Zahlungsanbieter bedeuten in der Praxis Bedingungen wie 15 % Gebühren und geforderte Sicherheitsleistungen und sind damit nicht nachhaltig tragfähig
- Letztlich wird darauf hingewiesen, dass es wegen des Einflusses der Kartennetzwerke selbst wie Visa und Mastercard an einer grundlegenden Lösung fehlt
Struktur eines Zahlungsprozessors
- Der Begriff „Zahlungsprozessor“ umfasst in der Realität eine mehrstufige Struktur aus mehreren Akteuren
- Payment Card Networks (PCN): Kartennetzwerke wie Visa und Mastercard
- Acquirer: Mit Banken verbundene Unternehmen, die direkt Ausgabe und Abwicklung übernehmen
- Merchant Service Providers (MSP): Übermitteln Zahlungsinformationen und stellen POS-Terminals bereit
- Payment Facilitators (PayFacs): Nehmen wie Stripe oder PayPal Zahlungen stellvertretend entgegen und verteilen sie an Händler
- Merchant / Sub-merchant: Itch ist der Merchant, die Creator sind die Sub-merchants
Die Realität bei der Gründung eines eigenen PayFac
- Um PayFac zu werden, ist zwingend ein Sponsorship durch eine Bank (Acquirer) erforderlich
- Banken prüfen Risiken, Vermögenslage und die Fähigkeit zum Umgang mit Chargebacks sehr streng
- Betreiber müssen strenge Audits und Zertifizierungen in Bezug auf Sicherheit, Zuverlässigkeit und Genauigkeit bestehen, wofür ein großes Engineering-Team nötig ist
- Aufgrund der KYC-/KYCC-Regulierung tragen sie die Verantwortung für Identitätsprüfung sowie sichere Speicherung und Verifikation aller Nutzer
- Bei Adult Content kommen zusätzlich Altersverifikation und verschärfte Regulierung hinzu
Die praktischen Grenzen von Itch
- Itch stützt sich faktisch auf einen Ein-Personen-Betrieb und kleine Hilfsteams
- Es arbeitet derzeit teilweise wie ein PayFac, die eigentliche Abrechnung läuft jedoch über externe PayFacs wie PayPal
- Unter diesen Bedingungen ist der Betrieb eines unabhängigen PayFac unmöglich; selbst Valve bräuchte dafür eine eigene Organisation
- Selbst wenn man so etwas aufbauen würde, ließen sich Risikomanagement und Zensur durch Banken und PCNs letztlich nicht vermeiden
High-Risk-Zahlungsanbieter (High Risk MSPs)
- Adult Content wird grundsätzlich als High-Risk-Branche eingestuft
- CCBill und Epoch sind typische Beispiele und stellen extreme Bedingungen wie 15 % oder mehr Gebühren sowie 25 % Sicherheitsleistung
- Mit üblichen 3 % Gebühren und Auszahlung innerhalb von 24 Stunden ist das nicht vergleichbar
- Auch auf Bankenseite werden mit CCBill verbundene Transaktionen oft durch Betrugsalarme blockiert
- Für kleine Creator oder Itch bedeutet das letztlich übermäßige Kosten und Risiken
Direkte Eingriffe von Visa/Mastercard
- Wie im Fall Fetlife 2017 kann das PCN selbst von einem MSP verlangen, Transaktionen für bestimmte Inhalte einzustellen
- Das kann jederzeit geschehen, unabhängig davon, ob ein High-Risk-MSP genutzt wird oder nicht
- Das heißt: Egal welchen Teil der Zahlungsstruktur man nutzt, wenn das PCN eingreift, wiederholt sich dasselbe Problem
Versuche mit alternativen Zahlungsmitteln
- ACH/eCheck: Sicherheitsanfällig, geringes Nutzervertrauen
- Wire transfer: Hohe Gebühren pro Transaktion, verzögerte Abwicklung
- Paper check: Praktisch unmöglich
- Crypto: Umstritten und mit geringer Praxistauglichkeit
- Prepaid-Karten (aufladbar im Convenience Store): In einigen Regionen wie Japan vorhanden, aber nicht global skalierbar
Regulatorisches Risiko
- Ein Auflade- und Auszahlungssystem ab einer gewissen Größenordnung kann als Bankregulierung eingestuft werden
- In den USA ist die Anwendung von Finanzregulierung wie 12 CFR 1005E wahrscheinlich
- In diesem Fall kommt zusätzlicher Aufwand für AML (Geldwäscheprävention) hinzu
Problem der Erlösstruktur von Itch
- Itch selbst hat eine fragile Erlösstruktur und zahlt Creator-Einnahmen derzeit einzeln manuell aus
- Es gibt Kritik an langsamen Reaktionen wegen fehlender Betriebsressourcen, realistisch gesehen gibt es jedoch keine Alternative
- Auch die Nutzung eines High-Risk-MSP oder höhere Gebühren sind wegen des PR-Risikos schwer durchsetzbar
Fazit
- Der Aufbau eines eigenen Zahlungsnetzes ist selbst für Valve schwierig und für Itch unmöglich
- High-Risk-MSPs sind in Bezug auf Gebühren, Sicherheitsleistungen und Risikomanagement nicht tragbar
- Grundsätzlich ist die Entscheidungsmacht von PCNs wie Visa und Mastercard so groß, dass Alternativen stark begrenzt sind
- Dieser Vorfall zeigt weniger ein „Verschulden von Itch“ als vielmehr ein Problem der Machtstruktur im Zahlungsnetz
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