- Live-Coding-Interviews messen in der Praxis eher die Stressreaktion als die Programmierfähigkeit von Ingenieur:innen
- Wissenschaftliche Studien zeigen, dass in einer Umgebung unter Beobachtung kognitive Fähigkeiten nachlassen und starke Leistungsschwankungen auftreten
- Besonders bei Bewerberinnen wurde beobachtet, dass in einer öffentlichen Umgebung alle durchfielen, während sie in einer privaten Umgebung alle bestanden
- In den meisten Unternehmen wird Stressresistenz gar nicht verlangt, dennoch wird sie durch Coding-Tests fälschlich bewertet
- Mock-Tests, schrittweise Exposition und bestimmte Nahrungsergänzungsmittel können helfen, Stress zu lindern
Persönliche Erfahrungen mit Live-Coding-Interviews
- Manche Menschen mögen Live-Coding-Interviews, der Autor jedoch nicht
- Im Bewerbungsprozess bei Toptal scheiterte der Autor am Live-Coding-Test, konnte dieselbe Aufgabe später allein aber schnell lösen
- Durch diese Erfahrung wurde ihm klar, dass er unter Echtzeitbeobachtung wegen Stress seine eigentliche Leistungsfähigkeit nicht abrufen konnte
Das Gehirn unter Stress
- In Situationen mit hohem Risiko und Zeitdruck wird die Amygdala im Gehirn aktiviert und der Cortisolspiegel steigt
- Dadurch wird die Funktion des präfrontalen Cortex beeinträchtigt, der für komplexes Denken und Gedächtnis zuständig ist
- Das Arbeitsgedächtnis ist der wichtigste Maßstab zur Beurteilung der Fähigkeit, neue Probleme zu lösen, und es wird in Live-Coding-Situationen stark eingeschränkt
- Schon bei leichter Leistungsangst wird klares Denken nahezu unmöglich
- Konzentration fällt schwer, mehrere Schritte können nicht gleichzeitig im Gedächtnis gehalten werden, und man fühlt sich, als wäre man „deutlich schlechter als sonst“
Ausschlaggebende Forschungsergebnisse
- In einer Studie von Microsoft-Forschenden wurde dieselbe Coding-Aufgabe einmal in einer privaten Umgebung und einmal in einer öffentlichen Umgebung bearbeiten lassen
- In der privaten Umgebung arbeiteten die Teilnehmenden allein in einem Raum, in der öffentlichen Umgebung mussten sie die Aufgabe vor einer Aufsichtsperson lösen und dabei ihren Gedankengang laut erläutern
- Das Ergebnis: Unter Beobachtung halbierte sich die Leistung, und besonders die Streuung der Ergebnisse nahm stark zu
- Anders als bei den männlichen Bewerbern fielen in der öffentlichen Umgebung alle Bewerberinnen durch, während sie in der privaten Umgebung alle bestanden
- Live-Coding-Umgebungen wirken damit als wissenschaftlich belegter Ausschlussfilter, der kompetente Ingenieur:innen aussortiert
Die Realität von Leistung unter Stress
- Live Coding ist letztlich nur ein Ersatzmaß für Leistung unter Stress
- Manche Unternehmen suchen tatsächlich Menschen, die unter Stress gut funktionieren, aber die meisten machen das in ihren Stellenausschreibungen nicht klar
- Da die meisten Aufgaben keinen dauerhaften Echtzeitstress erzeugen, ist es unangemessen, hervorragende Ingenieur:innen auszusortieren, nur weil sie im Live Coding Fehler machen
- Es ist plausibler zu sagen, dass Live Coding eher den Spiegel der Stresshormone als die Programmierfähigkeit misst
Wege zur Stressreduktion
- Weil Live Coding in der Branche verbreitet ist, braucht es Training zur Stressanpassung
- Durch wiederholtes Üben in realitätsnahen Bedingungen (Pramp, Interviewing.io, LeetCode-Mock-Tests usw.) kann das Gehirn an Stress gewöhnt werden
- Es ist wirksam, den Druck schrittweise zu erhöhen, etwa mit Timer, Selbstaufzeichnung oder indem man Freund:innen zuschauen lässt
- Zusätzlich kann man Nahrungsergänzungsmittel wie L-tyrosine (zur Unterstützung von Neurotransmittern unter Stress) und L-theanine (für Entspannung und bessere Konzentration) ausprobieren
- Vor dem eigentlichen Interview sollte man in Mock-Übungen unbedingt testen, welche Methode am besten zu einem selbst passt
Fazit
- Wenn man in Live Coding schwach ist, ist das kein Mangel an Eignung als Ingenieur:in, sondern eine allgemeine menschliche Eigenschaft
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