6 Punkte von GN⁺ 2025-07-24 | 1 Kommentare | Auf WhatsApp teilen
  • Das Android Earthquake Alerts-System nutzt Android-Smartphones weltweit, um ein Erdbeben-Erkennungsnetzwerk im Taschenformat aufzubauen, liefert Vorwarnungen von bis zu mehreren Dutzend Sekunden und verzehnfacht die Zahl der Menschen mit Zugang zu Frühwarnungen von 250 Millionen auf über 2,5 Milliarden
  • Über den Beschleunigungssensor des Smartphones werden beim Erkennen der ersten P-Welle Erdbebendaten zusammen mit Standortinformationen schnell an den Server übertragen, der Epizentrum und Magnitude in Echtzeit analysiert und je nach Warnstufe (schwaches BeAware, starkes TakeAction) sofort Benachrichtigungen versendet
  • Von 2019 bis 2023 wurden in 98 Ländern mehr als 18.000 Erdbeben erkannt, bei über 2.000 Ereignissen wurden insgesamt 790 Millionen Warnmeldungen versendet; sowohl Zuverlässigkeit als auch Warnpräzision wurden deutlich verbessert (Fehler der anfänglichen Magnitudenschätzung von 0,5 → 0,25 halbiert)
  • In realen schweren Erdbebenfällen (Philippinen, Nepal, Türkei u. a.) erhielten Nutzerinnen und Nutzer in der Nähe des Epizentrums bis zu 15–60 Sekunden Vorwarnzeit, und Millionen Menschen konnten dank der Warnung erfolgreich Schutz- und Evakuierungsmaßnahmen einleiten
  • 85 % des Nutzerfeedbacks bewerten das System als „sehr nützlich“ und belegen damit einen konkreten Effekt bei der Auslösung lebensrettender Verhaltensweisen wie „Hinuntergehen, Schützen und Festhalten“

Überblick über das Android Earthquake Alerts-System

  • Ziel der Erdbebenfrühwarnung (EEW) ist es, vor dem Eintreffen der tatsächlichen Erschütterungen einige Sekunden bis mehrere Dutzend Sekunden Vorwarnzeit zu geben, um Personenschäden zu minimieren
  • Bestehende EEW-Systeme sind auf teure seismische Messnetzwerke angewiesen, doch in den meisten erdbebengefährdeten Regionen fehlt eine solche Infrastruktur
  • Google nutzt die Beschleunigungssensoren von Android-Smartphones als „kleine Seismometer“ und baut so weltweit ein Netzwerk aus Milliarden Geräten auf

Funktionsweise

  • Der Android-Beschleunigungssensor sendet beim Erfassen einer P-Welle (frühe schnelle Schwingung) ein Signal zusammen mit dem Standort an den Server
  • Die Daten vieler Smartphones werden auf dem Server schnell gesammelt und analysiert, um zu bestimmen, ob tatsächlich ein Erdbeben vorliegt und wie groß es ist bzw. wo es sich befindet
  • Noch bevor die S-Welle (stärker und langsamer) eintrifft, werden möglichst viele Menschen so schnell wie möglich gewarnt
    • BeAware-Warnung: Benachrichtigung bei erwarteten schwachen Erschütterungen
    • TakeAction-Warnung: Bei erwarteten starken Erschütterungen, mit Vollbildanzeige und Warnton

Weltweiter Einsatz und Wirkung

  • Pilotstart 2021 in Neuseeland und Griechenland, Ende 2023 in 98 Ländern verfügbar
  • Mehr als 18.000 Erdbeben erkannt, bei über 2.000 größeren Ereignissen 790 Millionen Warnungen versendet
  • Die Zahl der Menschen mit Zugang zu EEW-Systemen wurde von 250 Millionen auf 2,5 Milliarden verzehnfacht

Herausforderungen bei der Echtzeit-Schätzung der Erdbebenstärke

  • Die Magnitudenschätzung in Echtzeit ist der schwierigste Teil von EEW — es besteht ein Trade-off zwischen schneller Reaktion und Genauigkeit
  • Durch Datensammlung und Algorithmusverbesserungen wurde der Fehler der Anfangsschätzung von 0,50 auf 0,25 und damit um mehr als die Hälfte reduziert
  • Im Vergleich zu traditionellen seismischen Messnetzwerken gibt es Fälle mit vergleichbarer oder sogar besserer Genauigkeit

Reale Einsatzbeispiele

  • November 2023, Philippinen M6.7: erste Warnung 18,3 Sekunden nach dem Erdbeben, in der Nähe des Epizentrums 15 Sekunden bis 1 Minute Vorwarnzeit, etwa 2,5 Millionen Empfänger
  • November 2023, Nepal M5.7: Warnung nach 15,6 Sekunden, 10–60 Sekunden Vorwarnzeit, mehr als 10 Millionen Empfänger
  • April 2025, Türkei M6.2: Warnung nach 8,0 Sekunden, 3–20 Sekunden Vorwarnzeit für mehr als 110.000 Menschen

Nutzerfeedback und tatsächliche Reaktionen

  • In den in die Warnungen integrierten Umfragen antworteten mehr als 1,5 Millionen Menschen, 85 % bewerteten das System als „sehr nützlich“
  • Selbst wenn sie nach der Warnung keine Erschütterung spürten, bezeichneten 79 % die Warnung als nützlich — die reine Information über das Risiko wurde positiv wahrgenommen
  • Viele Nutzerinnen und Nutzer mit TakeAction-Warnung setzten korrekte Schutzmaßnahmen wie „Hinuntergehen, Schützen und Festhalten“ um

Ausblick

  • Kontinuierliche Datensammlung und Algorithmusverbesserungen werden Genauigkeit und Nutzen weiter erhöhen
  • Künftig ist eine Erweiterung um Funktionen zur Unterstützung von Notfallmaßnahmen geplant, etwa schnelle Schadensbewertung und Informationsweitergabe nach einem Ereignis
  • Auf Basis der Stärke des kollektiven Sensornetzwerks aus Smartphones soll weltweit zu einer sichereren Umgebung beigetragen werden

1 Kommentare

 
GN⁺ 2025-07-24
Hacker-News-Kommentare
  • Jemand teilt die Erfahrung eines landesweiten Fehlalarms in Israel vor Kurzem um 3 Uhr morgens: Eine fehlerhafte Notfallwarnung ähnlich einem Amber Alert wurde per Cell Broadcast ausgelöst, wodurch sich plötzlich bei allen gleichzeitig die Handys bewegten; dies wurde offenbar als Erdbeben fehlinterpretiert, und 30 Sekunden später wurde an alle Android-Smartphones eine Erdbebenwarnung gesendet. Offenbar hatte man ein solches unerwartetes Szenario nicht bedacht. Im Arstechnica-Artikel heißt es, „einer von drei Fehlalarmen sei durch die massenhafte Vibration infolge einer Warnmeldung verursacht worden“.
    • Soweit bekannt, sind Erdbebenwarnungen eigentlich dafür ausgelegt, vor dem Eintreffen eines echten Erdbebens auszulösen. Wenn die Warnung erst 30 Sekunden nach Erkennung der Erschütterung kommt, wirkt das eher wie „Das ist ein Erdbeben, bitte evakuieren“, obwohl man die Erschütterung bereits spürt.
    • Nicht weil viele Leute gleichzeitig ihre Telefone aufgehoben hätten, sondern weil die Telefone durch den Cell Broadcast selbst gleichzeitig vibrierten, sei das Problem entstanden.
    • Alle drei Ereignisse seien komplett falsche Ereignisse gewesen. Laut einer von Google veröffentlichten Umfrage gaben 15 % der Befragten an, die Erschütterung gar nicht gespürt zu haben. Nur weil es lediglich drei Fehlalarme gab, wirke das System nicht automatisch präzise.
    • Aus Sicht von jemandem, der einen Dienst mit weltweitem Traffic betreibt: Jedes Mal, wenn es in APAC ein Erdbeben gibt, schießt der Traffic oft auf ein Vielfaches hoch. Vermutlich wachen die Leute durch den Alarm auf und suchen sofort nach Epizentrum und Sicherheitsinformationen. Doch mit einem plötzlich regional explodierenden Bedarf umzugehen, ist sehr schwierig.
    • Es sollte eigentlich gut möglich sein, alle IMU-Signale per Signalverarbeitung zu analysieren, Korrelationen zu prüfen und zu verifizieren, ob die zeitliche Übereinstimmung der an verschiedenen Orten erkannten Erschütterungen zu einer realistischen Schätzung des Epizentrums passt. Das Muster, bei dem sich im ganzen Land Telefone exakt gleichzeitig jeweils in zufällige Richtungen bewegen, sollte überhaupt nicht wie ein Erdbebensignal aussehen.
  • Diese Funktion sei wirklich großartig und wirke wie ein gutes Projekt im alten Google-Stil: einfach „Wir können das, also machen wir es“. Es sei schön, einmal wieder etwas Sinnvolles aus Googles Engineering zu sehen.
    • Besonders gut daran sei, dass es ein nützliches System ohne Werbung oder fragwürdige finanzielle Motive ist, das realistisch gesehen nur Google in dieser Form umsetzen kann. So etwas sehe man heute selten.
    • Man lebe zwar nicht mehr in der Nähe eines Epizentrums, halte dies aber dennoch für eine der besten Funktionen überhaupt, auch wenn man kein Android-Nutzer ist.
    • Als man vor einigen Jahren in Hongkong nachts durch Erschütterungen aufwachte, habe man dank einer Google-Warnung sicher gewusst, dass es sich wirklich um ein Erdbeben handelte. Durch frühere Erfahrungen mit Hilfseinsätzen nach großen Erdbeben sei man überzeugt, dass solche Systeme tatsächlich Leben retten können.
  • Unter Verweis auf den Arstechnica-Artikel wird erwähnt, dass es unter rund 1300 Warnungen nur drei Fehlalarme gab; einer davon sei dadurch entstanden, dass viele Telefone wegen einer von einem anderen System gesendeten Warnung vibrierten, und zwei seien durch Gewitter verursacht worden. Künftig lasse sich so etwas softwareseitig wohl leicht ausgleichen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob auch andere akustisch-vibratorische Ereignisse wie Militärflugzeuge, Drohnen oder Explosionen im Erfassungsbereich liegen. Zudem gibt es Unbehagen darüber, Geräte ohne ausdrückliche Zustimmung der Nutzer als Remote-Sensoren einzusetzen; allein auf den guten Willen von Tech-Konzernen zu vertrauen, erscheine angesichts von Sicherheitsrisiken über Side Channels weiterhin problematisch.
  • Jemand hat in Griechenland bereits einige Erdbebenwarnungen erhalten. Vor etwa einem Monat habe er oder sie eine Warnung für ein Beben der Stärke 5,2 ungefähr eine Minute im Voraus bekommen und dadurch den gesamten Ablauf erleben können, was sehr eindrucksvoll gewesen sei.
    • Es wird gefragt, ob die Warnung auch die Stärke der zu erwartenden Erschütterung anzeigt oder nur allgemein meldet: „Ein Erdbeben kommt“.
  • Als jemand in Portugal ein ziemlich starkes Erdbeben erlebte, während das Haus noch bebte, kam bereits eine Android-Warnung an. Dass es dieses System überhaupt gibt, war eine Überraschung. Das Beben hatte sich offshore nahe der Küste ereignet, und aus Sorge vor einem möglichen Tsunami wurde das FM-Radio eingeschaltet, doch die Sender spielten einfach weiter Musik, ohne irgendeine entsprechende Mitteilung. Letztlich wurde kein offizieller Alarm ausgelöst, weil der Schwellenwert offenbar nicht erreicht wurde, aber ein Hinweis wäre trotzdem wünschenswert gewesen.
    • Tatsächlich habe man auch viele Bewohner gesehen, die sich aus Sorge vor Gefahr mitten in der Nacht in höher gelegene Gebiete begaben. Zwar könne man per Suche schnell herausfinden, dass eine Tsunami-Warnung aufgehoben wurde, aber das könne nicht jeder. Da ernste Wetterwarnungen und Reaktions-SMS-Systeme gut funktionieren, wäre es gut, wenn solche Hinweise zum Evakuierungsverhalten ebenfalls enthalten wären. Schade sei auch, dass sich eine Android-Warnung nach dem Wegwischen nicht leicht erneut aufrufen lässt.
  • Bei einem Erdbeben vor einigen Monaten erhielt jemand eine Android-Warnung und konnte nach kurzem Überlegen sofort evakuieren. Früher habe man Beben um Stärke 3,5 erlebt und erst später davon erfahren; diesmal konnte ein Beben der Stärke 5,2 in Echtzeit wahrgenommen werden, was eine deutliche Verbesserung sei.
    • Schon wenige Sekunden Vorwarnzeit machen in Innenräumen einen großen Unterschied.
  • Sehr beeindruckend sei, dass bestehende Infrastruktur für die öffentliche Sicherheit genutzt wird. Die Idee, zig Milliarden Smartphones in ein weltweites Erdbebensensornetz zu verwandeln, wirke wie etwas, bei dem man sich fragt: „Warum haben wir das nicht schon früher gemacht?“ Natürlich sei das nicht auf dem Niveau spezialisierter Messinstrumente, aber angesichts der Realität, dass es in vielen Regionen gar keine dedizierten Sensoren gibt, sei es innovativ.
  • Jemand dachte, diese Funktion gebe es schon seit sehr langer Zeit, aber das stimme tatsächlich nicht. Dazu eine kurze Zusammenstellung:
    • Februar 2016: Start mit einer Drittanbieter-App, die man manuell installieren musste, die aber irgendwann eine kritische Masse erreichen konnte (zugehöriger Blog)
    • August 2020: „ab heute“; wenn der Beschleunigungsmesser Erschütterungen erkennt, werden Signal und Standort an den Server gesendet, mit dem Versprechen schneller und präziser Karten; in Teilen der USA wurden Warnungen auf Basis staatlicher Daten eingeführt (offizieller Blog)
    • März 2022: In einigen US-Bundesstaaten werden staatliche Daten verwendet, anderswo Warnungen auf Basis von Crowdsourcing-Daten; es ist von „2 Milliarden Android-Handys“ die Rede; bei erwarteten starken Beben werden Ton und Display auch im Nicht-stören-Modus erzwungen aktiviert (Crisis-Response-Seite)
    • Juli 2025: Keine großen Änderungen; weiterhin in einer Teilmenge von Regionen auf Basis staatlicher Daten, Leistung und Genauigkeit verbessern sich aber weiter; zum Empfang der Warnungen sind Standortfreigabe und Internet erforderlich; etwa ein Drittel der Warnungen kam vor den tatsächlichen Erschütterungen an, und 85 % bewerteten sie auf einer Fünf-Punkte-Skala als sehr nützlich
      Es herrscht Verwirrung darüber, wie Standortdaten verarbeitet werden. Es erscheint unwahrscheinlich, dass alle 10 Sekunden der Standort an Google gesendet wird; eher wird vermutet, dass der Standort einige Male pro Tag oder alle paar Stunden gespeichert und genutzt wird. Alternativ könnte der Server Warnungen als Polygon für eine Region aussenden, woraufhin das Gerät nur seinen letzten bekannten Standort lokal prüft. Die Person selbst lässt Standort normalerweise aus, außer bei Navigation oder Karten, und vermutet, die Hinweise deshalb verpasst zu haben.
    • Es gibt auch eine App namens Earthquake Network (EQN), die ähnlich wie Googles System funktioniert: Sie erkennt über den Beschleunigungssensor Erschütterungen bei angeschlossenen, gesperrten Telefonen; wenn mehrere nahegelegene Telefone gleichzeitig Vibrationen erkennen, wird automatisch Alarm ausgelöst. Das System ist seit 2012 in Betrieb (EQN-Website).
    • Die ungefähre Position eines Android-Geräts lasse sich wohl auch ohne GPS ausreichend gut nur anhand von Funkmasten und WLAN-SSIDs bestimmen.
    • Das Senden des Standorts alle 10 Sekunden wirke ineffizient, aber tatsächlich könne die Position auch über die IP-Adresse des Routers bestimmt und per WLAN übertragen werden, was nur sehr wenig Strom verbrauche.
  • Jemand reiste nach Japan und wurde dort um 3 Uhr morgens durch eine Warnung „Erdbebenwarnung, starke Erschütterungen erwartet“ aus dem Schlaf gerissen. Sofort habe man mit der Ehefrau Fragen gestellt wie: „Kommt das hier? Zu Hause? Liegt etwas Schweres über dem Bett?“ Da klar war, dass man sich in Japan befand, habe sich der Verdacht schnell aufgelöst; nach ein paar Sekunden ohne Erschütterung habe man angenommen, dass alles in Ordnung sei, und weitergeschlafen. Rückblickend frage man sich aber, von welchem System die Warnung eigentlich kam; es könnte die MyShake-App oder Wireless Emergency Alert gewesen sein. Wie das im Ausland funktioniert, sei unklar.
  • Dieses System setzt voraus, dass der Beschleunigungsmesser ständig aktiv ist, was normalerweise bei ausgeschaltetem Bildschirm nicht der Fall ist. Das bedeute weltweit unzählige zusätzliche Energieverbräuche und sei schlecht für die Batterielebensdauer. Es wird gefragt, welche Abtastrate, wie viele Achsen und welcher Stromverbrauch dabei anfallen. Typischerweise reiche die Spanne von 10 Mikroampere bei 1 Hz auf einer Achse bis 10 Milliampere bei 10 kHz auf drei Achsen.
    • Im Zusatzmaterial der verlinkten Studie stünden Antworten auf all diese Fragen: 50 Hz, 3 Achsen und Aktivierung nur während des Ladens; außerdem gebe es Beispielplots nach Entfernung zum Epizentrum. Selbst P-Wellen und S-Wellen ließen sich unterscheiden.
    • Die meisten MEMS-Beschleunigungssensoren hätten einen Low-Power-Modus und würden erst bei erkannter Vibration in einen Modus mit höherem Stromverbrauch wechseln.
    • Tatsächlich läuft das Erkennungssystem nur, wenn das Telefon geladen wird und sich nicht bewegt.