- Microsoft hat kürzlich festgestellt, dass staatlich unterstützte Hacker die eigenen generativen KI-Tools für Angriffe genutzt haben. In der Security-Community wurden daraufhin Fragen laut, wie Microsoft das überhaupt herausgefunden hat.
- Gegen die Charakterisierung von Microsofts Verhalten als „Spionage“ gab es teils Widerspruch. Es sei selbstverständlich, dass Cloud-Anbieter die Aktivitäten ihrer Nutzer überwachen, und es sei unfair, dies als Spionage zu bezeichnen.
- Das kann als Beispiel für die sich wandelnden kollektiven Erwartungen an den Schutz der Privatsphäre gesehen werden. Um das zu verstehen, lässt sich etwas aus der Fischerei lernen.
- Mitte des 20. Jahrhunderts begannen die Bestände von Meeresfischen aufgrund übermäßiger Befischung stark zurückzugehen. Ein ähnlicher Rückgang zeigte sich auch in der Walfangindustrie.
- Daniel Pauly erkannte, dass Forschende einen gravierenden Fehler machten, wenn sie zulässige Fangmengen festlegten. Das Problem war, dass sie das Ausmaß des Rückgangs der Fischbestände nicht erkannten.
- Pauly wies darauf hin, dass jede Forschergeneration einen anderen Bezugspunkt (Baseline) für den Vergleich aktueller Statistiken hat und dass dieser Bezugspunkt von Generation zu Generation niedriger wird. Er nannte das „Shifting Baseline Syndrome“.
- Internetüberwachung und die daraus resultierenden Eingriffe in die Privatsphäre folgen derselben Entwicklung. Aufgrund des allgegenwärtigen Charakters moderner Technologie ist Überwachung einfacher denn je, und jede Generation gewöhnt sich an das Privatsphäre-Niveau ihrer Jugend.
- KI-Chatbots sind das jüngste Beispiel für dieses Phänomen. Sie erzeugen Ausgaben als Reaktion auf Nutzereingaben, doch dahinter steht ein komplexes Cloud-basiertes System, das die Eingaben nachverfolgt.
- Die Verschiebung der Bezugspunkte steht im Zentrum unseres kollektiven Verlusts an Privatsphäre. Der Oberste Gerichtshof der USA hat lange entschieden, dass unser Recht auf Privatsphäre von einer vernünftigen Erwartung an Privatsphäre abhängt. Erwartungen sind jedoch wandelbar und vom Shifting-Baseline-Effekt beeinflusst.
- Was ist also jetzt zu tun? Fischereiwissenschaftler betrachten heute das große Ganze. Sie orientieren sich nicht mehr an relativen Maßstäben wie dem Vergleich mit dem vorangegangenen Jahrzehnt. Stattdessen fragen sie aus einer ganzheitlichen Perspektive, wie ein gesundes marines Ökosystem und nachhaltige Fangmengen aussehen sollten.
- Im Bereich Privatsphäre und Sicherheit braucht es denselben Ansatz. Statt uns an verschobenen Bezugspunkten zu orientieren, sollten wir einen Schritt zurücktreten und betrachten, wie ein gesundes technologisches Ökosystem aussehen sollte.
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